Aufsatz 
Über die deutsche Sprache, mit besonderer Rücksicht auf das Verhältnis ihres Rhythmusprinzipes zu dem antiken
Entstehung
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oder 14tes Jahr Franzoͤſiſch zu treiben! Daß ſolche ſchlimme Zeitrichtung auf ein gruͤndliches Studium der Mutterſprache nachtheilig einwirken werde, laͤßt ſich wol nicht in Abrede ſtellen**).

Erſt ſeit dem Ende des vorigen Jahrhunderts hat man in Deutſchland der kraͤftigen, geiſtvollen, herzlichen Mutterſprache mehr Beruͤckſichtigung gewidmet. Freilich hat es, ehe diß geſchah, einen harten Kampf gekoſtet, beſonders zwiſchen Humaniſten und Realiſten, von denen freilich jene, wenn ſie das Princip ihrer Wiſſenſchaft nicht ſo engherzig aufgefaßt haͤtten, eher fuͤr, als gegen das Stu⸗ dium der deutſchen Sprache haͤtten in die Schranken treten ſollen.(Dieſer Kampf zwiſchen Humaniſten und Realiſten hat ſich in unſern Tagen, wenn auch in etwas veraͤnderter Weiſe, mit der groͤßten Wuth erneuert*), und es iſt dabei luſtig anzuſehen, wie die Herren,gleich erbosten Haͤhnen einander blutig hacken und dann auf dem naͤchſten Dachgiebel mit ſtolz gehobenem Schopfe kraͤhen und auf die kleine Welt herunterſchauen.) Aber was alle Kaͤmpfe nicht fertig brach⸗ ten, das bewirkte die Vorſehung; denn ploͤtzlich erſchienen ein aͤußerer Anlaß war nicht ſichtbar am deutſchen Himmel glaͤnzende Geſtirne großer Geiſter und wieſen in Werken, die mit dem Siegel der Ünſterblichkeit an der Stirne ge⸗ ſchmuͤckt waren, der deutſchen Sprache Kraft und Fuͤlle und Schoͤnheit. Da konnte Niemand ſeine Verwunderung verſagen; Alles ward hingeriſſen, wenn auch hier und da die Geiſtesleere mit Bitterkeit hoͤhnte. Denn die Leichtigkeit fuͤr die Converſation hat unſere Sprache nicht, wie andere, in denen ſich ſchale Schwaͤtzer oft einen gewiſſen Schein von Wolredenheit zu geben verſtehen. Der große Reichthum des Deutſchen noͤthigt den Sprechenden zur Wahl, und ſchlechte Wahl offenbart Unkenntniß und ſchlechtes Urtheil, und ſolche Offenbarung liebt man

*) Am meiſten werden durch die Ueberwucht der materiellen Intereſſen die religioͤſen in den Hintergrund gedraͤngt; und doch ſind es gerade dieſe, welche die groͤßte Pflege bei dem Menſchen beduͤrfen.

OXBo8 88 Seloν oαππε˙ĩσ Ʒέσπτσαmω alorov, derkos d' οrdecgha SGy rso! d0Sa eunLev. Empedocl. carm. v. 354. 355. ed. Karsten. Amst. 1838.

**) Zu keiner Zeit ſind ſich die Gegenſaͤtze, welche das innere und aͤußere Leben der Menſchheit bewegen, einander kraſſer und ſchroffer gegenüber getreten, als in der gegenwaͤrtigen. Und wie diß im Leben ſich zeigt, ſo auch in den Wiſſenſchaften; denn in den Wiſſenſchaften ſpie⸗ gelt ſich das Leben ab, ſowie in dem Leben die Wiſſenſchaften ihr treues Abbild finden. Moͤgen aber auch die Partheien durch das ſtarre Feſthalten an den einzelnen Gegenſaͤtzen ſich auf's ſchroffſte einander gegenuͤber treten, moͤgen ſie auch bei der Durchbildung der Gegen⸗ ſaͤtze bis zur gegenſeitigen, poſitiven Ausſchließung fortſchreiten; gerade durch dieſes ſtarre Feſthalten, durch dieſe Durchbildung tragen ſie zur Vermittelung der Wahrheit am mei⸗ ſter⸗ beß Die Wahrheit leuchtet und glaͤnzet um ſo heller, je ſchroffer ihr die Verkehrtheit gegenuüber tritt.