Aufsatz 
Über die deutsche Sprache, mit besonderer Rücksicht auf das Verhältnis ihres Rhythmusprinzipes zu dem antiken
Entstehung
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Ueber

deutſche Sprache,

mit beſonderer Rückſicht auf das Verhältniß ihres Rhythmusprinzipes zu dem antiken.

Ma der Gabe der Vernunft empfing der Menſch, bei ſeiner Entſtehung, aus der Hand des Schoͤpfers die Gabe, Inneres, Unſichtbares, Verborgenes zu offenbaren und aus dem Aeußern, Sichtbaren und Offenbaren Inneres, Unſicht⸗ bares, Verborgenes zu erkennen und zu verſtehen. Nicht allein in dem Auge ſtrahlet der Menſch ſein Inneres ab, nicht allein auf Stirn und Wange malet er es mit Farbe; er toͤnet es auch mit bedeutſamem Laute durch die Sprache hervor. In der Sprache objetivirt er, was er denket und fuͤhlet; ſie iſt das Mittel, durch welches er ſowol ſeiner ſelbſt ſich bewußt werden, als auch dieſes Be⸗ wußtſein offenbaren und mit ſeinen Mitmenſchen in Verbindung treten kann, da⸗ her eins der groͤßten und erhabenſten Geſchenke, welches ihm mit auf die große Wanderſchaft durch die irdiſche Pilgerbahn gegeben worden iſt. Aber nur dem Menſchen allein iſt dieſe Gabe zu Theil geworden; durch ſie ſtellt er ſich alſo uͤber alles andere Geſchaffene auf der Erde, unterſcheidet ſich von Allem außer ihm. Sie iſt als die Manifeſtation des geiſtigen Inhaltes des Menſchen das charakteriſtiſche, aͤußere Merkmal desſelben. Sowie aber die Menſchheit ſelber in untergeordnete Einheiten, in kleinere Ganze, die fuͤr ſich eine beſondere Sphaͤre bilden, auseinandergeht, ſo geht auch die Sprache in einzelne Sprachen ausein⸗ ander.

Jene untergeordnete Einheiten, Nationen oder Staͤmme genannt, haben naͤmlich als ſelbſtſtaͤndige Organismen auch ſelbſtſtaͤndige Organiſationen gebildet und ſonach ihrem individuellen Charakter gemaͤß, auch die Sprache individuagliſirt. Die Sprache iſt deßhalb nicht allein das Allgemeine, wodurch die vernuͤnftigen

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