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Schrecklich erscheint Macheth der Gedanke, den Gast, den König, den guten König iu morden. Alles werde sich gegen ihn erheben. Er will nicht weiter gehn.
Auch Wallenstein erinnert sich, wie ihm dieser Ferdinand einst sohuldreich war... Und so zu enden!
Shakespeare lässt seinen Helden Macbeth, Bellonas Sohn, das ganze Grauen vor der That in Monologen und im Zwiegespräch mit Lady Macbeth mit einer wahrhaft dichterischen Phantasie ans Licht bringen. Das ist das dramatisch Wirksame. Ein Held, der handelt, ohne tieferregt zu sein oder ohne seine Empfindung in Worte zu kleiden, ist kein Held für den Dramatiker. Das Grauen vor dem Verbrechen und dabei die unheimliche Gewalt der Leidenschaft, verstärkt durch die Anreizungen der Lady, wirken erschütternd. Mit Recht hat Schiller dies benutzt. Aber Shakespeare hat ein Ver- brechen gewählt, das stärker auf die Sinne wirkt und wegen der drängenden Zeit rascher zum Ent- schlusse treiben muss. Nach dieser Seite ist Schiller im Nachteil, aber sein Held ist edler, von höherem Gedankenflug.
Die schreckliche Bewegung des Menschen vor einer furchtbaren That spricht bei Shakespeare Brutus im Julius Caesar aus:
„Seit Cassius mich spornte gegen Caesar, Schlief ich nicht mehr.
Bis zur Vollführung einer furchtbaren That Vom ersten Antrieb ist die Zwischenzeit
Wie ein Phantom, ein grauenvoller Traum. Der Genius und die sterblichen Organe
Sind dann im Rat vereint; und die Verfassung Des Menschen, wie ein kleines Königreich, Erleidet dann den Zustand der Empörung“.
An Sophokles und Shakespeare, an Goethe und Kant erhob sich Schiller unter schwerem Ringen zu der gewaltigen Dichtung„Wallenstein“. Tief schaut der Dichter in das innerste Seelenleben der verschiedenartigsten Naturen und zwingt uns, ihm nachzuempfinden. Was kann bildender sein für das ganze Geistesleben, für Verstand und Gefühl und Phantasie! Und mehr wie sonst ist heute Schillers Wort“¹) zu beachten:„Bei der Vereinzelung und getrennten Wirksamkeit unserer Geisteskräfte, die der erweiterte Kreis des Wissens und die Absonderung der Berufsgeschäfte notwendig macht, ist es die Dichtkunst beinahe allein, welche die getrennten Kräfte der Seele wieder in Vereinigung bringt, welche Kopf und Herz, Scharfsinn und Witz, Vernunft und Einbildungskraft in harmonischem Bunde beschäftigt, welche gleichsam den ganzen Menschen in uns wieder herstellt“.
¹) Uber Bürgen Gedichte(Anfang).


