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Aber der Kaiser braucht den schwergekränkten Mann wieder, und der Gemisshandelte sagt die Hülfe unter Bedingungen zu, die der Kaiser nicht annehmen durfte. Er nimmt sie jedoch an mit dem Hintergedanken, den Vertrag zu brechen, sobald er kann. Natürlich streckt Wallenstein, weil er die kaiserliche Gewalt inne hat, die Hand nach einer Krone aus. Zwischen ihm und dem Kaiser ist ja keine Spur von Liebe und Vertraun. Wallenstein bricht die Treue einem Treulosen, der sie nach rechts und links gebrochen und sich wohl weniger Skrupel darüber gemacht hat als sein Feldherr. Wallenstein ist kein Unterthan, das Heer ist sein Heer, er hat es geschaffen. Nicht er will dem Kaiser das Heer stehlen, sondern der Kaiser ihm.— Herr und Diener haben sich zu gemeinsamem Verbrechen, zum Verrat am Reich verbunden, das ist der Kardinalpunkt. Als der Kaiser sich zum zweiten Mal in die Hände seines Dieners geben muss, wird er nicht betrogen. Nichts kann gerader und ehrlicher sein als der Zwang, der ihm geboten wird, und dem er sich fügt. Wer so steht wie Wallenstein, der kann nicht mehr gehorchen, der ist ein Souverain und muss es bleiben. Wallenstein will eine Krone, aber er will auch dem Reiche den Frieden geben. Er ist der Mann, das Werk auszuführen, wenn das Glück günstig oder wenn nicht eine Nemesis in seinen Plan eingreift. Diese kann aber aus seinem Verrat am Kaiser nicht entstehn, wenn sie tragischen Geist, der Vernunft ist für unsere Vernunft, haben soll.
Wallenstein ist ein Verbrecher und hat eine schwere Schuld zu büssen, aber sein Untergang ist nicht die gerechte, die tragisch gerechte Strafe für seinen Verrat am Kaiser, die Vergeltung. Das ist nicht der Sinn des Stücks, sonst müsste es uns anwidern, statt uns in hohem Masse zu befriedigen.
Wo liegen nun das Verbrechen und die Schuld, die Wallenstein mit seinem Leben und dem Untergange seines Hauses büsst und büsst zu unserer poetischen Befriedigung und mit Einstimmung unserer Vernunft und unseres Gemütes? In Wallensteins erstem, monströsem Dienst, den er dem Kaiser leistet, in der Art und Weise, wie er zum ersten Mal das Heer erschafft und sich zum Kriegsfürsten macht, zu einem zweiten Attila und Pyrrhus; in seinem dämonischen Einfall, die Kriegsfurie zur alleinigen Herrin der Dinge zu machen, in diesem Akt äusserster Brutalität, wo alles niedergetreten wird, was dem Menschen heilig ist, darin liegt der Fluch, der ihn verfolgt. Also grade in dem Frevel, in dem der Kaiser sein Mitschuldiger ist, ja in dem auf diesen der schwerste Teil der Verschuldung fällt. So wird das Antlitz des Stückes furchtbarer.
In jenem grössern Hochverrat am Allgemeinen, den er hinterher in dem geringern am Hause Habsburg und am kaiserlichen Iadividuum tilgen will, ja tilgen würde, wenn dieser zweite ihm gelänge oder gelingen könnte, liegt sein Fluch.
Und der Beweis dafür?
Kann man einen schlagenderen verlaugen, als das Stück ihn liefert? Woher erfolgt denn Wallensteins Sturz? Aus seinem Verrat am Kaiser? Nein! durch die Armee erfolgt er, unmittelbar und direkt durch diese.
Das Heer verlässt ihn nicht, weil es kaiserlich ist, sondern es verlässt ihn, weil es das Heer seiner Erfindung ist; diese wilde Bande, zu der er aus allen Völkern den Auswurf zusammengetrom- melt. Dies Heer ist sein Unglück, nicht der Verrat am Kaiser; sein Werk misslingt, er fällt, weil dies Heer ihn verlässt, und es verlässt ihn, weil die Führer ihn verlassen. Diese Isolani, Tiefenbach, Götz, Kolalto, diese Schlemmer, Säufer, Spieler verlassen ihn nicht aus eiuem sittlichen Motiv, sondern wegen der Gemeinheit ihrer Natur. Mit Wallenstein können sie mehr gewinnen, aber auch mehr verlieren, als sie haben. Das Geschäft mit dem Kaiser ist sichrer, da ist nichts zu wagen. Im kri- tischen Moment weicht der Kitt des Gehorsams, der Zauber löst sich auf in Gemeinheit. So urteilt Werder.


