Aufsatz 
Antike und moderne Erziehung : 2. Die Behandlung der verlassenen Kinder im klassischen Altertum
Entstehung
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Die Behandlung verlaſſener Kinder im klaſſiſchen Alterthume.*

U ber die Behandlung verlaſſener Kinder im klaſſiſchen Alterthume ſind nur vereinzelte und dürftige Nachrichten ſpärlicher bei den Griechen als bei den Römern überliefert worden. Im Ganzen laſſen dieſe Nachrichten keine allgemein giltige und beſtimmte Aufſtellung über dasjenige zu, was in der Regel mit beſagten Kindern beiderlei Geſchlechts geſchehen ſei, und es bleibt daher zunächſt unentſchieden, ob man ſolche ganz und gar ihrem Schickſale über⸗ laſſen, oder etwa ihre Verwandten, falls ſich deren gefunden, zu ihrem Unterhalte und ihrer Erziehung verpflichtet, oder aber ob, dem öffentlichen Geiſte des antiken Staates entſprechend, letzterer ſelbſt Verpflegung und Erziehung derſelben übernommen habe. Es mußte nämlich der antike, helleniſche wie römiſche, Staat, zu dieſer Uebernahme ſich um ſo mehr aufgefordert und verpflichtet fühlen, als es in ſeiner eigenen Idee d. h. in ſeinem Selbſtzwecke lag, einerſeits das individuelle Leben aller ſeiner Angehörigen für ſich in Anſpruch zu nehmen und zu verwerthen, andererſeits für die Gemeinſamkeit und Oeffentlichkeit der Erziehung zu ſorgen, welche jener Anſpruch zur unabweisbaren Folge hatte. Hierzu kamen aber für den antiken Staat noch zwei weitere Motive der Bethätigung, welche nicht weniger bedeutſam waren, weil ſie zugleich aus den ſittlichen Anſchauungen der Alten und wiederum auch aus dem ureigenen Weſen des antiken Staates ſelbſt hervorgingen. Es war dieſes die allgemeine durch eine lebendige Vater⸗ landsliebe getragene Wehrpflicht der vollbürtigen Staatsbürger, ſodann die faſt bei allen Völkern des Alterthums nachweisbare grauenhafte Unſitte der Ausſetzung der Kinder, welche mehrfach durch den Staatszweck geboten war, der nur körperlich kräftige Menſchen brauchen konnte, aber öfter noch durch die faſt ebenſo ſchrankenloſe Gewalt der Eltern, insbe⸗

*) Seit der Veröffentlichung unſerer Bemerkungen über antike und moderne Erziehung im Oſter⸗ programme von 1865 hat der Geſammtfortſchritt der Alterthumskunde auch die Kenntniß der Pädagogik der Griechen und Römer in einer Weiſe gefördert, daß eine befriedigende Behandlung der a. a. O. S. 45 vorbehaltenen beiden Schlußcapitel über die Mittel und Wege, ſowie über die Erfolge der antiken Erziehung eine die Gren⸗ zen des hier verſtatteten Raumes weit überſchreitende Ausdehnung erhalten würde. Die Ausnutzung und Verwerthung des in reicher Fülle vorliegenden Materials zu unſerem Zwecke erlaubt daher nur eine ſucceſſive Betrachtung einzelner Haupttheile und Richtungen der antiken Pädagogik. Hierbei nimmt als Grundlage und Ausgangspunkt aller Erziehung auch bei Griechen und Römern die Betrachtung von Stellung und Werth des Kindes in Familie und Staat die erſte Stelle ein: beide Momente aber können hier am beſten aus der Art der Behandlung verlaſſener Kinder erkannt und beurtheilt werden.

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