Aufsatz 
Die Sueven
Entstehung
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Die Sueven.

1. Die germaniſchen Stämme.

Die Nachrichten, welche wir von dem politiſchen Zuſtande Deutſchlands zur Zeit Chriſti haben, rühren ausſchließlich von römiſchen Schriftſtellern her und gehören verſchiedenen Zeiten an. Unklarheit und widerſprechende Berichte ſind daher ſehr häufig. Der große Kampf aber, den das weltbeherrſchende Rom in dieſer Zeit gegen unſere Vorfahren geführt, und der Ein⸗ fluß, den römiſche Cultur auf dieſelben geübt hat, ſind ſicherlich nicht ohne Folgen für das politiſche Leben derſelben geweſen. Denn wenn auch der mächtige Auguſtus von der Unter⸗ werfung Germaniens durch Waffengewalt abſtehen mußte, ſo rühmt ſich doch Tiberius nach Tacitus ann. II, 26 mehr durch Liſt als durch Gewalt erreicht zu haben. Er hat als Ober⸗ befehlshaber in Germanien und hernach als Kaiſer durch ſeinen Sohn Druſus für längere Zeit die Macht der Germanen dadurch gebrochen, daß er ſie entzweite vgl. Tac. ann. II, 62. Die größeren politiſchen Verbindungen, welche zu ſeiner Zeit noch beſtanden, hat er aufgelöſt, die einzelnen Völkerſchaften gegen einander gehetzt und ſo aus wenigen Staaten eine große Menge ſelbſtändiger Staaten gemacht.

Daß aber die frühern Verbindungen der Germanen nicht zufällige waren, ſondern auf nationaler Baſis beruhten, haben dieſe ſelbſt durch ihre Mythologie ſchon ausgedrückt. Denn Tacitus ſagt Germ. c. 2: Manno tris filios assignant, e quorum nominibus proximi Oceano Ingaevones, medii Herminones, ceteri Istaevones vocentur, quidam, ut in licentia vetustatis. pluris deo ortos plurisque gentes appellationes, Marcos Gambrivios Suebos Vandilios, affir- mant, eadue vera et antiqua nomina. Die undeutliche geographiſche Beſtimmung, der Con⸗ junctiv vocentur, ſowie die Beifügung der zweiten Eintheilung beweiſen, daß Tacitus für die Richtigkeit ſeiner Angaben nicht einſtehen will. Zu ſeiner Zeit(er ſchrieb die Germania anno 98 n. Chr.) hatten dieſe Stammnamen keine politiſche Bedeutung; damit iſt aber gar nicht geſagt, daß ſie in frühern Zeiten dieſe Bedeutung nicht gehabt haben, oder in ſeiner Zeit ohne jede Bedeutung waren. Halten wir nun die beiden Angaben neben einander, ſo gibt uns die erſte wirklich deutſche Namen aus der deutſchen Mythologie, die zweite zeigt ſchon durch das quidam im Anfange, daß es eine Eintheilung des Volkes iſt, die Tacitus aus den Büchern gelehrter Römer geſchöpft hat, vielleicht aus dem ältern Plinius. Er weiſt dieſe An⸗ ſicht auch nicht zurück, bekräftigt ſie vielmehr durch die Worte eaque vera et antiqua nomina; es ſind alſo wirkliche Namen im Gegenſatze zu denen der Mythologie.

Ergänzt wird dieſe Nachricht des Tacitus durch Plinius hist. nat. IV, 28: Germanorum genera quinque. Vandili, quorum pars Burgondiones Varinnae(2) Charini Gutones, alterum genus Ingaevones, quorum pars Cimbri Teutoni ac Chaucorum gentes, proximi autem Rheno Istaevones, quorum pars..... mediterranei Herminones, quorum Suebi Hermun- duri Chatti Cherusci, quinta pars Peucini Basternae supra dictis contermini Dacis. Plinius hat den letzten Stamm deswegen als einen ſelbſtändigen hingeſtellt, weil derſelbe

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