Ueber die Abfassungszeit der Isocrateischen Friedensrede.
Die Frage nach der Abfassungszeit der Isocrateischen Friedensrede ist noch nicht endgültig beantwortet. Die Ansätze der Gelehrten bewegen sich zwischen den Jahren 358 und 354: Oncken(Isocrates und Athen, S. 180) und Christian(Isocrates' Werke, I, 413— 417) nehmen den frühsten Termin, die Zeit vor dem Anfange des Bundesgenossenkrieges, an, Böhnecke (Forschungen über attische Redner II, 729 n. 1.) verweist die Rede in das Jahr 354. Gleich nach Beginn des Bundesgenossenkrieges setzt sie Leloup an(Isocratis oratio de pace, Moguntiae 1826), Schillbach(de Isocratis oratione, quae inscribitur 7rεHον εαοννε, Potsdamer Programm 1868 S. 9) nimmt unter Verweisung auf Oncken an, die Rede wolle im Anfang des Jahres 357 gehalten sein, sofort nach dem Abfall von Chios Rhodos und Byzanz.¹) Anger(lsocratis opera, Paris 1782), Benseler(Prenzlauer Ausgabe der Uebersetzung 1829, III, S. 66), Weissen- born(Neue Encyclopädie S. 49) und Pfuand(de Isocratis vita ac scriptis, Programm des Joachimsthalschen Gymnasiums, Berlin 1833, pag. 21) nehmen 356, das zweite Kriegsjahr, an, Benseler,(Isocrates' Plataicus, Archidamus und Rede über den Frieden, Leipzig 1854, S. 197 ff., 290) setzt die Herausgabe der Rede nach erfolgtem Friedensschlusse an, ebenso Clinton (f. h. add. 356) und Böckh(Staatshaushalt, I, 556, c). Blass(Attische Beredsamkeit II, S. 274) verweist die Rede an das Ende des Krieges.
Am eingehendsten hat Oncken die Frage nach der Abfassungszeit behandelt und wir werden demgemäss seine Ansicht einer genaueren Besprechung unterziehen müssen.
Bevor wir indessen an die Frage nach der Abfassungszeit selbst herantreten, wollen wir einige kurze orientirende Bemerkungen über die Art der Isocrateischen Schriftstellerei voraus- schicken.
(Pseudo)plutarch schreibt(vitt. X oratt. 838, E) über den Redner Isocrates:„Eiε‿ dsε τmς ods rᷣν˖– rod er†εειν, ςᷣ αχe ν εͥανιιννuo ⁴dαωσφα Aασ³ν dddeπκ̈ᷣœÆντι τςανννηαά ερσαωνπνασν ϑειασεν dεxæνααz‿α⁵αms.”“ Bestätigt finden wir diesen Gedanken durch die Art, wie Isocrates über den ihm fehlenden Muth öffentlich aufzutreten und über die ihm mangelnde kräftige Stimme spricht. Diese Eigenschaften, welche für einen Redner unerlässlich sind(Antidosis 189 f.) mangelten ihm vollständig (ep. I, 9, Phil. 81, Panath. 9 f., de pace 7). Seine Schüchternheit war so gross,
¹) Die S. 9 angezogenen Stellen§§. 2, 25, 64 sind von Schillbach falsch verstanden, zu den Worten Schillbachs„unde apertum et perspicuum videtur esse Atheniensium populum bellum nondum decrevisse“ vergl. unten S. 6.


