XIII
habe ich keine Gemeinſchaft! Es giebt Andere, die alles, was ihnen als Misbrauch erſcheint, was ſie unſchön und ſtörend finden, mit ſtürmiſchem, rückſichtsloſem Eifer zu beſeitigen trachten. Mendelsſohn that weder das Eine, noch das Andere. Er fing bei ſich ſelbſt an, erhob ſich in ernſtem Arbeiten und Ringen zu dem, was er war, und wirkte vor allem durch ſein Beiſpiel. Er war ein lebendiges Mitglied der Gemeinde, ſonderte ſich nicht von ihr ab, weil das nach jüdiſchem Geſetz verboten iſt, ſtellte vielmehr überall, wo es erforderlich war, ſeine Kräfte in ihren Dienſt. Beim Beginn ſeiner Wirkſamkeit in Berlin verſuchte er eine Einwirkung auf ſeine Glaubensgenoſſen durch eine in hebräiſcher Sprache geſchriebene Zeitſchrift. Als ihm die eigenen Kinder heranwuchſen und ihm für dieſe die damals in jüdiſchen Kreiſen gangbaren Bibelüberſetzungen ganz ungeeignet erſcheinen mußten, überſetzte er für ſie den Pentateuch ins Deutſche. Bald ergab ſich ihm, daß er ſeinen Glaubensgenoſſen einen guten Dienſt erweiſen könnte, wenn er dieſe überſetzung ihnen zugänglich machte. Er ließ ſie drucken: den Urtext, daneben in hebräiſchen Lettern die deutſche Überſetzung, das Ganze mit einer hebräiſch abgefaßten lehrreichen Einleitung verſehen. Auch die Pſalmen überſetzte er ſo. Schüler und Jünger Mendelsſohns ließen ſpäter die übrigen Bücher der heiligen Schrift mit deutſcher Üüberſetzung und hebräiſchen Erläuterungen in derſelben Weiſe erſcheinen.
Die Mendelsſohnſche Pentateuchüberſetzung war ſehr folgenreich für unſere Glaubensgenoſſen. Aus ihr lernten unſere Väter die reine deutſche Sprache, ſie vermittelte im vorigen Jahrhundert und am Anfang dieſes Jahrhunderts unſeren Glaubensgenoſſen das Verſtändnis deutſcher Bücher, den Eintritt in den Bildungs⸗ gang des deutſchen Volkes.
Dieſer Schritt führte weiter. Man faßte bald überhaupt die Verbeſſerung des Unterrichts der jüdiſchen Jugend ins Auge. Auf Anregung und unter Mitwirkung Moſes Mendelsſohns wurde 1778 die jüdiſche Freiſchule in Berlin gegründet, die erſte wohlgeordnete, nicht ausſchließlich religiöſen Zwecken dienende jüdiſche Schule Deutſchlands. Dem in Berlin gegebenen Beiſpiele folgte man in anderen jüdiſchen Gemeinden.
Auch hier in Frankfurt wurde ſchon 1794 der Verſuch zur Gründung einer ähnlichen Anſtalt ge⸗ macht, der aber erſt zehn Jahre ſpäter mit der Gründung des Philanthropins gelang. So verdankt auch unſere Schule, welche in achtzehn Jahren ihr hundertjähriges Jubiläum feiern wird, der Einwirkung Moſes Mendelsſohns ihren Urſprung.
Erheben wir uns zum Schluß zu einer überſchau des Ganzen, blicken wir auf die Bewegung der Geiſter, die Mendelsſohns Erſcheinen und Wirken unter ſeinen Glaubensgenoſſen hervorgerufen hat, ſo müſſen wir ſagen: es iſt damals wie ein Frühling über uns gekommen. Nach langem, langem Winterſchlaf ſind die Geiſter erwacht und haben ſich zu gemeinſamer Arbeit erhoben. Wie die Stürme, die den Wald durchtoben, Blätter und Zweige und auch manchen Stamm umwerfen und verwehen, aber doch auch die Luft reinigen und kräftigen und das Wachstum fördern, ſo iſt dann auch uns geſchehen. In den kräftigenLuftzug der allgemeinen Bewegung der Geiſter hineingeſtellt, ſind wir geſundet und erſtarkt. Die rüſtige Kraft ſtrebt nach menſchenwürdiger Bethätigung. Alles vollzieht ſich nach großen, ewigen Geſetzen: das Beſondere tritt in den Dienſt des Allgemeinen und wird von dieſem zu reicherem Leben gekräftigt. So haben die Juden an den allgemeinen geiſtigen Aufgaben der Zeit ſich beteiligt, und die Errungenſchaften der Wiſſenſchaft ſind dann wiederum dem Judentum zu gute gekommen. In keiner vorangegangenen Epoche iſt dem jüdiſchen Schriftentum
fein ſo eindringliches, fruchtbares Studium zugewandt worden wie in unſerem Jahrhundert. Mit dem Rüſtzeug der philologiſchen und hiſtoriſchen Kritik iſt die geſamte jüdiſche Litteratur der vergangenen Zeiten durchforſcht und uns nahe gebracht worden, und die Wiſſenſchaft befruchtet und erhöht das Leben. Unſer Heil liegt in der Treue, in dem Feſthalten des Beſonderen, des Guten, das uns eigen iſt,
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