XII
Beginnen verleiten wollen. Sie ſind entweder ſelbſt verblendet und ſehen den Feind der Menſchheit nicht, der im Hinterhalte lauert, oder ſuchen Euch zu verblenden. Es iſt gethan um unſer edelſtes Kleinod, um die Freiheit zu denken, wenn Ihr ihnen Gehör gebt! Um Eurer und unſer aller Glückſeligkeit willen, Glaubensvereinigung iſt nicht Toleranz, iſt der wahren Duldung gerade entgegen..
Um Eurer und unſerer Glückſeligkeit willen, gebet Euer vielvermögendes Anſehn nicht her, irgend eine ewige Wahrheit, ohne welche die bürgerliche Glückſeligkeit beſtehen kann, in ein Geſetz, irgend eine dem Staate gleichgültige Religionsmeinung in Landesverordnung zu verwandeln! Haltet auf Thun und Laſſen der Menſchen, ziehet dieſes vor den Richterſtuhl weiſer Geſetze und überlaſſet uns das Denken und Reden, wie es unſer Aller Vater zum unveräußerlichen Erbgute beſchieden, als ein unwandelbares Recht eingegeben hat.
Bahnet einer glücklichen Nachkommenſchaft wenigſtens den Weg zu jener Höhe der Kultur, zu jener allgemeinen Menſchenduldung, nach welcher die Vernunft noch immer vergebens ſeufzt. Belohnet und beſtrafet keine Lehre, locket und beſtechet zu keiner Religionsmeinung! Wer die öfefentliche Glück⸗ ſeligkeit nicht ſtört, wer gegen die bürgerlichen Geſetze, gegen Euch und ſeine Mitbürger rechtſchaffen handelt, den laſſet ſprechen wie er denkt, Gott anrufen nach ſeiner oder ſeiner Väter Weiſe und ſein ewiges Heil ſuchen, wo er es zu finden glaubt. Laſſet Niemanden in. Euren Staaten Herzenskündiger und Gedanken⸗ richter ſein Niemanden ein Recht ſich anmaßen, das der Allmächtige allein ſich vorbehalten hat. Wenn wir dem Kaiſer geben, was des Kaiſers iſt, ſo gebet Ihr ſelbſt Gott, was Gottes iſt! Liebet die Wahr⸗ heit! Liebet den Frieden!“
„Ich halte“, ſchrieb Kant im Auguſt 1783, als er ſeinen„Jeruſalem“ geleſen hatte, an Mendelsſohn, „dieſes Buch für die Verkündigung einer großen, obzwar langſam bevorſtehenden und fortrückenden Reform, die nicht allein Ihre Nation, ſondern auch alle andere treffen wird. Sie haben Ihre Religion mit einem ſolchen Grade von Gewiſſensfreiheit zu vereinigen gewußt, die man ihr gar nicht zugetraut hätte, und dergleichen ſich keine andere rühmen kann. Sie haben zugleich die Notwendigkeit einer unbeſchränkten Fewiſſensfreiheit zu jeder Religion ſſo gründlich und ſo hell vorgetragen, daß auch endlich die Kirche unſerer Seits daraufzwird denken müſſen, wie ſie alles, was das Gewiſſen beläſtigen und drücken kann, von der ihrigen abſondere, welches endlich die Menſchen in Anſehung der weſentlichen Religionspunkte vereinigen muß; denn alle das Gewiſſen beläſtigenden Religionsſätze kommen uns von der Geſchichte, wenn man den Glauben an deren Wahrheit zur Bedingung der Seligkeit macht“. 1
Die wohlthätigſte und nachhaltigſte Einwirkung iſt diejenige, die von einer edlen Perſönlichkeit ausgeht. Die Thatſache, daß der Jude Mendelsſohn zu den würdigſten Repräſentanten der Zeitbildung gehörte, daß man ihn mit den Beſten ſeiner Zeit in freundſchaftlichem Verkehr ſah, daß ein Leſſing ihm vor den Augen der Welt die Hand zum dauernden Freundſchaftsbunde reichte, die bloße Exiſtenz Moſes Mendelsſohns mußte die Scheidewand zwiſchen Juden und Chriſten in's Wanken bringen, mußte da, wo das überhaupt möglich war, das Vorurteil gegen die Juden ſchwinden machen.
Es gab aber auch ein inneres Ghetto, das überwunden werden mußte. Der Jahrhunderte lange Druck und die völlige Abgeſchloſſenheit, zu der unſere Vorfahren verurteilt waren, hatten ihre Sitten und ihre Sprache verzerrt und misſtaltet, hatte ihren Lebensgewohnheiten etwas Fremdartiges gegeben, hatte ſelbſt das Heiligtum unſerer Religion durch Misbräuche und Aberglauben entweiht. e
Es iſt lehrreich zu ſehen, wie Mendelsſohn ſich zu alledem verhielt.
Es giebt Juden, die von ihren in ihren Sitten, ihrem äußerem Erſcheinen und Auftreten zurück⸗ gebliebenen Glaubensgenoſſen ſich abwenden und ſprechen: ich gehöre zum großen Ganzen, mit denen da


