Deoli0th
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Sonntag, den 10. Januar d. J., fand in unſerer Schule zur Erinnerung an den hundertjährigen Todestag Moſes Mendelsſohns eine Feier ſtatt. In dem feſtlich geſchmückten Hörſaale, in welchem vor dem Rednerpulte die Büſte Moſes Mendelsſohns aufgeſtellt war, verſammelten ſich um 11 Uhr vormittags unſere Schüler und Schülerinnen der mittleren und oberen Klaſſen, das Lehrerkollegium, Vertreter des Schulrates und der Gemeindebehörden, viele ehemalige Schüler und Freunde unſerer Schule. Die Feier wurde mit Abſingung des 19. Pſalmes„Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre“ eröffnet. Darauf wurde von einem Schüler der folgende, von dem Kollegen Herrn Dr. Ferdinand Neubürger für dieſe Feier
gedichtete Prolog vorgetragen:
Prolog.
Vor drei Jahrtauſenden, da trieb die Herde
Ein Hirt hinaus, wo einſam ſich die Wüſte Dem Weltmeer gleich in ew'ger Fläche dehnt, Hehr von Geſtalt; aus ſeinem Auge flammte Des Geiſtes Licht, das eine Welt erleuchtet
Und Segen bringt nachkommenden Geſchlechtern In fernſter Zeit. Da ſah das Flammenaug' Des hohen Manns dort in dem Wüſtenſand, Wie ſich ein Feuer aus dem Dornbuſch hob, Ihn nicht verzehrend. Da, des Wunders ſtaunend, Er ſich dem Feuer naht, das nicht verloſch
In heller Glut, da hört er eine Stimme
Im weiten, menſchenleeren Raum der Wüſte: „Nimm deine Schuhe ab, der Boden hier iſt heilig Dem Gott der Väter!“ Und die Stimme ſprach: „Du ſollſt mein Volk aus Sklaverei erretten; Sein Weinen drang zu mir, und ich erhöre
Des Volkes Fleh'n.“— Er aber rief:„Was bin ich Zu ſolchem hohen Werk!“ Da ſprach die Stimme: „Ich werde mit dir ſein, der Weltenkönig,
Der war und iſt und ſein wird.“— Und der Hirte Ward ſeines Volkes Hirt; er führt' es weg
Aus Not und Drang und tiefer Sklaverei.
Die Feuerſäule ſchritt dem Volk voran,
Das wilde Meer, das ihm den Weg erlaubte,
Sich für ihn teilend, ward des Königs Grab Und ſeiner Krieger.— Nicht nur für die Dauer Des kurzen Lebens ward zum Hort und Heil Der Hirte ſeinem Volk. Auf ſteinerne Tafeln Schrieb er Geſetze, die ſein Volk erhalten Für alle Zeit, wenn es ſie treu befolgt, Und ſterbend zeigt' er ihm das ſchöne Land, Das ſeinen Vätern mild und voller Liebe Einſt Gott verhieß, und lange wohnt es da.—— —— Der wilde Sturm verſtreut den heil'gen Samen In alle Welt, nicht daß er unter⸗ gehe.—
Jahrtauſende entfloh'n. In Knechtſchaft ſeufzte bang Nochmals das Volk, von Moſe einſt erlöſt. Die weite Welt war ſein Ägypten jetzt.— Verachtung, Hohn und bitt'rer Druck ſein Teil.— Da ward auf's neu' ein Retter ihm geboren, Unſcheinbar von Geſtalt, ein ſchwaches Kind, Das zu dem Gotteshaus der Vater trug, Armut ſein Erbteil, und die frühe Not Beugt ſeine Schulter: Doch im ſchlichten Schreine Barg ſich der Liebe und des Geiſtes Kleinod: Die Menſchenliebe, der kein Werk zu ſchwer. Die reichen Schätze, die das Wiſſen bietet,


