Tacitus und Plutarch.
Die Frage nach dem Verhältnis der beiden ersten Bücher von Tacitus Historien zu den plutarchischen Biographien Galbas und Othos, wichtig für die Auffassung der folgenschweren Ereignisse der Jahre 68 und 69 und wichtig vor allen Dingen für die Beurteilung des ersten Geschichtschreibers der römischen Kaiserzeit, ist zu wiederholten Malen eingehend erörtert worden, ohne daſs es bisher gelungen wäre, zu einem allgemein anerkannten Ergebnis zu gelangen.“ Wäahrend die nahe Verwandtschaft der Berichte beider Schriftsteller von keiner Seite in Abrede gestellt wird, stehen sich in der Erklärung dieser Verwandtschaft zwei Ansichten schroff gegenüber: die eine, zunächst von Peter, dann von Mommsen und Nissen vertreten, glaubt jene weitgehende Ubereinstimmung auf die Benutzung einer und derselben Quelle zurückführen zu müssen, die andere, zu der insbesondere Nipperdey und neuerdings Schanz sich bekannt haben, sieht in den Kaiser- biographien Plutarchs im wesentlichen nur eine unter Hinzunahme anderer Berichte zu stande gekommene Verarbeitung der taciteischen Darstellung. Diese Frage von neuem aufzuwerfen liegt nicht in meiner Absicht, ich halte sie vielmehr durch die erschöpfenden Untersuchungen von Peter, Mommsen und Nissen und ebensosehr durch die Widerlegungs- versuche von Clason, Lange u. a. für endgiltig entschieden, ja ich stehe nicht an, die folgenden Sätze Mommsens(Hermes XXVI. S. 315) zu unterschreiben:„Nicht bloſs schrieb er(Plutarch) unzweifelhaft früher, als die Annalen, wahrscheinlich auch früher, als die Historien des Tacitus herausgegeben wurden, sondern er bringt auch eine Menge von Thatsachen, die bei Tacitus nicht zu finden und doch mit der dem Plutarch und dem Tacitus gemeinschaftlichen Erzählung so eng verwachsen sind, daſs jedem, der in solchen Unter- suchungen Takt und Ubung hat, der Gedanke an eine Einlegung derselben aus einer zweiten Quelle von vornherein als unzuläſsig erscheinen muſs. Vielmehr wird nichts übrig bleiben, als alle diese Analogien darauf zurückzuführen, dafs der Grieche wie der Römer von derselben Iauptquelle abhängig sind.“ Wenn ein Gelehrter wie Nipperdey sich völlig ablehnend
¹ Die Litteratur ist öfters zusammengestellt, so bei Schanz, Geschichte der römischen Litteratur, II. S. 376 f. Hinzuzufügen wäre Bellezza dei fonti letterari di Tacito nelle Storie e negli Annali(Rendic. d. R. Istit.
Lomb. II. 24. 13). 1


