Aufsatz 
Zur Geschichte der Schule : 1. Teil: Das Philanthropin 1804-1813 / Hermann Baerwald
Entstehung
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Andern der bekannte Abbé Grégoiren) und der Conrecter Moſche anweſend. Die Knaben wurden im Schreiben, Rechnen, beſonders aber im Hebräiſchen und Deutſchen geprüft: man erhob ſich nicht über die Elementarſtufe, es war ein ganz unſcheinbarer Vorgang. Aber der edle Moſche er hatte damals noch gar keine Beziehungen zum Philanthropin fand ſich doch von dem was er da ſah und hörte tief gerührt: es waren eben Judenkinder, die er da vor ſich ſah, ſauber gekleidet, in anſtandsvoller Haltung, es war ein jüdiſcher Lehrer, der da unter Anderem auch in der deutſchen Sprache prüfte undder Unterricht war ſo gründlich gegeben und gefaßt worden, daß er nichts zu wünſchen übrig ließ; rings die Zuhörerzeigten eine große und verſtändige Theilnahme an der Prüfung, und es waren doch eben Leute aus der Judengaſſe. Moſche hatte eine Empfindung für die Bedeutung des Vorganges, er ſprach die Hoffnung aus: die Anſtalt werde für die hieſigen jüdiſchen Einwohner und ihre Fortſchritte in Kenntniß und Bildung ſehr bedeutend und wohlthätig werden: fortan widmete er ihr ſeine thätigſte Theilnahme.

Noch ein Augenzeuge hat uns einen Bericht über eine zwei Jahre ſpäter abgehaltene Prü⸗ fung aufbewahrt: es iſt kein Anderer, als Carl Ritter.

Auf einer im Sommer 1806 für pädagogiſche Zwecke unternommenen Reiſe, hatte er die von Iſrael Jacobſon gegründete, ganz nach philanthropiſtiſchen Principien eingerichtete Schule in Seeſen beſucht ²).Seit jener Reiſe, ſchreibt er,intereſſiert mich die mögliche Cultur und Er⸗ hebung der jüdiſchen Nation außerordentlich. Gern folgte er daher der an ihn ergangenen Ein⸗ ladung zur Prüfung. Am 2. Januar 1807 berichtete er darüber den Seinigen folgender⸗ maßen:Am 29. und 30. December war ich von den Vorſtehern eines hieſigen Judenphilan⸗ thropins zu einer öffentlichen Prüfung eingeladen und ich benutzte mit Freuden dieſe Gelegenheit, die ſich mir darbot, das Gute was ſie leiſten, kennen zu lernen und ſie zu überzeugen, daß nicht alle Chriſten inhuman gegen ſie geſinnt ſind. Der Zweck dieſer Anſtalt iſt ſehr achtungswerth: Unterricht armer Judenkinder und Pflege, Kleidung u. ſ. w. Alles unentgeltlich. Fünf jüdiſche Familienväter ſind Vorſteher der Anſtalt, zum erſten Lehrer an derſelben, welcher das Ganze leitet, haben ſie einen Chriſten genommen), die übrigen Lehrer⁴) ſind Juden. Nur die Wahl des erſten iſt ſchlecht, ſehr ſchlecht ausgefallen, die andern Männer ſind wahrlich von redlichem Eifer für das Beſte der Kinder beſeelt und wollen ihrer Nation Ehre machen. Sie zeichneten ſich in jeder Hinſicht aus, und die Knaben beſtätigen mir auch hier, daß die jüdiſche Nation voll

¹) Daß der Abbé bei einer Prüfung im Philanthropin anweſend war, erzählt mir der greiſe Sohn des obenerwähnten Dr. Goldſchmidt, der, gleichfalls unter den Zuhörern, von ſeinem Vater auf den berühmten Mann aufmerkſam gemacht wurde. Da nun Grégoire im Jahre 1805 in Deutſchland war(damals ſah ihn auch Göthe. Sämmtliche Werke in 30 Bänden 1851, Bd. 21, S. 130), ſo liegt es nahe, ihn bei der 1805 abgehaltenen Prüfung als anweſend anzunehmen, um ſo mehr, da er in ſeinen Observations nouvelles sur les juifs et spé- cialement ceux d'Allemagne S. 12, indem er vom Philanthropin ſpricht, die bei Gelegenheit dieſer Prüfung er⸗ ſchienenen Frohen Lieder von Geiſenheimer erwähnt.

²) G. Kramer, Carl Ritter. Ein Lebensbild. Halle 1864 I, 150. Dem Director der Francke'ſchen Stif⸗ tungen zu Halle iſt der Begründer der Jakobſon⸗Schule zu Seeſen, welcher ſeitdem Tauſende von jüdiſchen und chriſtlichen Knaben ihre Bildung und Erziehung verdanken, eben weiter nichts alsder reiche Jude Jakobſon.

³) Diehl.

¹) Unter ihnen befand ſich damals ſchon Heß. Ein Programm ſcheint im Jahre 1806 nicht erſchienen zu ſein; Heß war erſt ſeit Oktober 1806 im Amte.