Gründung des Philanthropins.
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I. In der alten Reichsſtadt.
Gründung des Philanthropins.
An einem Wintertage gegen Ende des Jahres 1803 ſah bei ſeinem Aufent⸗ halte in dem benachbarten Marburg der hieſige Sandelsmann und Heſſen⸗ Kaſſelſche Hofagent Neyer Amſchel Rothſchild einen umherirrenden Knaben, der durch den Vortrag hebräiſcher Melodien ſein Leben friſtete. Ihn rührte das Elend des armen, verlaſſenen und, wie er wahrnahm, begabten Jungen. Er nahm ihn mit nach Srankfurt und übergab ihn der Sürſorge ſeines Buch⸗ halters Geiſenheimer, der ein Mann ſeines Vertrauens war, und den er zugleich als einen Philanthropen ſehr ſchätzte. G
Meyer Amſchel Rothſchild(geb. 1744, geſt. 19. September 1812) ſtand damals im Beginn geſchäftlicher Unternehmungen, durch die er den Weltruf und das Anſehen ſeines Hauſes begründete. Er ahnte nicht, daß er mit dem ſeinem Buchhalter gegebenen Auftrage zu einer bedeutſamen Gründung anderer Art den Anlaß gab. Denn in der Cat wurde Geiſenheimer durch dieſen Auftrag zu einer ſeinem innerſten Bedürfnis entſprechenden humanitären Tätigkeit an⸗ geregt. Er dehnte im berein mit einigen gleichgeſinnten Sreunden die ihm über⸗ tragene Sürſorge für den einen Knaben alsbald auf mehrere arme Knaben aus, gründete unter dem Namen„Jüdiſches Philanthropin zu Srankfurt a. Ml.“ eine Schule für Knaben und bald auch für Mädchen, kräftigte ſie durch eine Hingebung ohnegleichen in ihren Lebensbedingungen und brachte ſie empor, ſo daß ſie für viele aufeinander folgende Generationen innerhalb der hieſigen ifraelitiſchen Gemeinde und weit darüber hinaus eine Pflanzſtätte der Bildung und Geſittung geworden und geblieben iſt bis auf den heutigen Cag.
wer war nun der Mlann, der ſo Rühmliches unternommen und voll⸗ bracht hat?
Siegmund Geiſenheimer war im Ghetto zu Bingen a. Rh. am 12. Dezember 1775 geboren. Er entſtammte einer Samilie, die ſich bis in das 17. Jahrhundert hinein nachweiſen läßt. Sein Vater, der Schutzjude wolf Geiſenheimer, gehörte nicht zu den wohlhabenden, aber zu den ehrbaren und gebildeten Gemeindemitgliedern. Welche Schule Siegmund Geiſenheimer beſuchte, und wer ſein Lehrer war, davon exiſtiert keine Üüberlieferung. Es iſt anzu⸗ nehmen, daß ſein Schulunterricht ſich nach der Sitte der Seit nur auf das religiöſe, hebräiſche Schriftentum beſchränkte, und daß er in allem übrigen auf Selbſtunterricht oder etwa auch auf privatunterricht angewieſen war. An mMoſes Mendelsſohns Pentateuch⸗ und Pfalmenüberſetzung lernte die aufſtrebende


