Einleitung 5
Im Jahre 1794 geſchah es, daß mehrere hieſige Hausvater ſich vereinigten, um einen Lehrer für gemeinſamen Unterricht ihrer Kinder in den für das prak⸗ tiſche Leben notwendigen Kenntniſſen des Deutſchen, Sranzoſiſchen, Schreibens und Rechnens anzuſtellen. Sie wandten ſich an den als vorurteilsloſen Beförderer des Schulweſens bekannten Senior Hufnagel und baten ihn um Bezeichnung einer geeigneten Lehrkraft. Als ihr plan bekannt wurde, wandten ſich andere Gemeindemitglieder, die darin eine Abweichung von dem religionsgeſetzlich Erlaubten ſahen, an den Rabbiner. Damals bekleidete das hieſige Rabbinat Rabbi Pinchas Horowitz(geb. 1731, geſt. 1805), einer der größten Talmudgelehrten ſeiner Heit. Eben wegen dieſer anerkannten Gelehrſamkeit und ſeiner ausge⸗ zeichneten Charaktereigenſchaften war er aus polen hierher berufen worden, obgleich er dem deutſchen Bildungsweſen vollig fremd und der deutſchen Schriftſprache nicht mächtig war. Sür ihn verband ſich mit dem Begriffe deutſcher Bildung die Abwendung von der altjüdiſchen Erziehung und Cebensweiſe und vom Judentum überhaupt. Er gehöorte daher auch zu denjenigen Rabbinern, welche ein Verbot gegen die Mendelsſohnſche Pentateuchüberſetzung erließen; freilich konnte er nicht verhindern, daß, wie wir erwähnt haben, dieſes Werk trotzdem hier große Ver⸗ breitung fand. Der Rabbiner belegte die beabſichtigte Schulgründung in der gewöhnlichen Nlorgenandacht am Mlontag, den S. Dezember 1794, mit dem Banne. Auf Intervention des Seniors Hufnagel, an den ſich die Unternehmer der Schule wandten, wurde der Rabbiner durch mundliche Weiſung des Alteren Bürgermeiſters zur Hurücknahme des Bannes veranlaßt; der Bann wurde am Donnerstag, den 18. Dezember, im Morgengottesdienſt zurückgenommen.*) Über die weitere Entwickelung der Schulgründung ſind wir nicht unterrichtet. Die kriegeriſchen Zeitverhältniſſe ſcheinen ihre Verwirklichung verhindert zu haben.
Eine vollſtändige Veränderung der äußeren Lage der Juden trat infolge des Bombardements Srankfurts durch die Armee Klebers am 12. Juli 1796 ein. 140 Säuſer des Judenquartiers gingen in Slammen auf. Ihren Bewohnern, einem großen Ceile der jüdiſchen Gemeinde, mußte ein, wie es hieß, proviſoriſches Unterkommen in der Stadt gewährt werden. Die Abgeſchiedenheit, in der die Juden bis jetzt lebten, hörte auf, es traten nun beſtändige Beziehungen zu den chriſtlichen Einwohnern der Stadt ein, und auch Widerwilligen drängte ſich die Hlotwendigheit einer zeitgemäßen Bildung auf.
1801 beſtanden hier bereits zwei jüdiſche Leſegeſellſchaften, und es bildete ſich in dieſem Jahre eine dritte; 1804 zählte eine von dieſen Geſellſchaften etwa 100 Mitglieder. Unter den jungen Männern, die durch Lektüre und gegenſeitigen Gedankenaustauſch damals ſich moderne Bildung aneigneten, ragt Jakob Süß⸗ kind Stern hervor, geboren am 9. März 1769. Im Jahre 1801 trug er ſich
*) Die Anſprache, mit der die Zurücknahme des Bannes verkündet wurde, lautet: „Ehrbare Verſammlung! Höret, daß auf Befehl Eines wohlregierenden Alteren Bürgermeiſters der wegen des Lehrinſtitutes verhängte Bann wieder aufgehoben ſei.“ Städtiſches Archiv Ugb. D. 35 Hr. 76. Der Wortlaut des ſog. Bannes iſt in den Akten nicht erhalten.


