Ueber den Megwan, jn Nielungendiedd.
Die hohe Bed eutung, welche Gesang und Saitenspiel für das Menschen- leben haben, findet den beredtesten Ausdruck in dem Glauben an ihren göttlichen Ursprung. Stets haben die obersten Götter sich als Bewahrer und Pfleger der Dicht- und Gesangskunst gezeigt: bei den Griechen Zeus und Apollo, bei den Germanen die Asen Odin und Bragi, pei den Finnen Wäinämöinen; die Muse erscheint in der griechischen Mythologie als des Zeus, Saga in der nordischen als Odins Tochter.
Aber nicht der Gesang allein geht von den Göttern aus; sie er- sinnen auch die Instrumente, auf welchen zum Gesange gespielt wird. So erfindet Hermes die Lyra, welche Apollo spielt; die Erfindung der Harfe schreiben die Finnen ihrem höchsten Gott Wäinämöinen zu, der dem germanischen Odin entspricht. Und aus diesem übernatürlichen Ursprunge der Instrumente ist auch die übernatürliche Gewalt und Wirkung zu erklären, welche dem Gesang und Saitenspiel beigelegt wird.
Wenn der finnische Gott seine Harfe rührt, lauscht ihm die ganze Natur; alle Tiere des Waldes laufen herzu, alle Vögel des Waldes fliegen herbei; die Fische im Wasser schwimmen heran; aus des Gottes Augen dringen Trähnen der Wonne auf die Brust, von der Brust auf die Kniee, von diesen zu den Füssen, netzen ihm fünf Mäntel und acht Röcke.¹)
Nächst den Göttern sind die Naturgeister in Berg und Flut in die Geheimnisse der Tonkunst eingeweiht. In schwedischen, dänischen und schottischen Volksliedern wird die Wunderkraft des Gesanges oder der Goldharfe geschildert, wodurch die Tochter des Bergkönigs oder die Jungfrau im Elfenhaine den Christenmann verlockt, oder umgekehrt der christliche Bräutigam dem Wassernix die geraubte Braut wieder ent- reisst; denn dasselbe Mittel, wodurch die Naturgeister ihn bewältigen, wendet’der Mensch auch mit der gleichen Wirkung gegen sie selbst an. Von solchen Zaubertönen heisst es in den Liedern: Die Vögel auf den Zweigen vergessen, was sie singen, die Tiere des Waldes, wohin sie
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¹) Grimm, deutsche Mythologie s. 860. 1*


