— 1—
Wenn allerdings hier von einem strengen Studium der innersten Entwicklung der heimischen Sprache und von einem wissenschaftlichen Einblick in ihre Entstehung und Ausbilduug die Rede wäre, so müssten wir Wackernagel wohl beipflichten. Da aber kein vernünftiger Schul- mann an eine solche Methode denken kann, vielmehr einzig und allein eine planvolle, praktische Behandlung für die Schule gefordert werden darf, so werden wir wohl Wackernagels Bedenken als zu weitgehend bezeichnen müssen. Wie sehr einseitig und befangen übrigens sein Stand- punkt in dieser Frage war, dies beweist hinlänglich sein Ausspruch(p. 29), man habe wohl, die Stummen ausgenommen, noch keinen kennen gelernt, der nicht sprechen konnte. Denn nicht um das„Sprechenlernen“ handelt es sich, sondern um das Bewusstsein von den gram- matischen Formen und Gesetzen und um die Klarheit über das Wesen der Muttersprache. Diese müssen wir unseren Schülern beizubringen suchen. Dass man allerdings die eigne Sprache und ihre Grammatik nicht wie die fremden Sprachen lehren und lernen soll, ist von vornherein festzuhalten.
Auch Schrader’) spricht sich ziemlich energisch gegen einen systematischen Unterricht in der deutschen Grammatik aus, den er für die unteren und mittleren Klassen nicht nur für überflüssig, sondern geradezu für schädlich erklärt. An den fremden Sprachen könne der Schüler das Notwendige weit besser lernen. Doch verlangt er wenigstens konkrete Beispiele zur Einübung, sowie schriftliche Satzbildungen und Belehrung über den Gebrauch der Prä- positionen. Alles in allem aber spricht er sich für den Anschluss an den fremdsprachlichen Unterricht aus.
Diesen Standpunkt nimmt im Ganzen auch K. v. Raumer:²) ein, obwohl er eine Zu- sammenfassung des Thatsächlichen, und zwar schon auf den untersten Stufen, für notwendig hält. Von dem wohl richtigen Grundsatze ausgehend, dass der Gymnasialschüler in der Regel von Hause aus eine bessere Aussprache und besseren Ausdruck habe, stellt er als Ziel der grammatischen Unterweisung hin: die richtige Handhabung der deutschen Schriftsprache und die Anfänge einer wissenschaftlichen Behandlung der deutschen Sprache. Uber das gelegent- liche Behandeln aber und das Anlehnen an den fremdländischen Unterricht kam auch er nicht hinaus.
Mit Recht erklärte daher Bonitz, ³) der deutsche Lehrer dürfe allerdings den Schülern nicht beibringen wollen, was sie schon wüssten, dass man sich hingegen von der blossen Ver- mittlung durch die anderen Lektionen nichts Gutes versprechen könne. Noch eingehender spricht sich Wilmanns) über diesen Punkt aus. Er sagt, wenn man nur gelegentlich auf diese grammatischen Dinge zu sprechen komme, so erhalte man gleichsam einen„ungeordneten Haufen von Baumaterial.“ Ist doch überhaupt bei jedem Unterrichte kaum etwas mehr zu verurteilen, als das planlose Vorbringen zerstreuter Einzelnheiten, wodurch der Schüler niemals ein klares Bild, nie ein eignes Urteil gewinnen kann.— Er fordert eine systematische Behandlung der deutschen Grammatik, auf Grund treffender Musterbeispiele aus der den Schülern bekannten Litteratur. Von den Beispielen abstrahiert er die Regeln. Für Sexta und Quinta fordert er Orthographie und Interpunktion, für Quarta und Untertertia Grammatik. Die von ihm gegebenen Beispiele sind glücklich gewählt und sollen den Schüler zugleich in der Litteraturkenntnis befestigen, was nur zu loben ist. Auch dass er verlangt, von den Schülern müssten zahlreiche Flexionsformen gebildet werden, können wir nur billigen. Wenn er allerdings für Sexta und Quinta ausschliesslich Orthographie und Interpunktionslehre, für Quarta und Unter-Tertia die spezielle Elementargrammatik verlangt, so können wir einer solchen Stoffverteilung nicht zustimmen.
Ebenfalls für eine systematische Behandlung tritt in die Schranken Boetticher, ⁵) indem er für die Notwendigkeit derselben besonders den Gegensatz zwischen Mundart und Schriftsprache und die vielfachen sprachlichen Verstösse der Gegenwart betont. Er zeigt dies
¹) Erziehungs- und Unterrichtslehre. p. 445. f. f.
²) Geschichte der Pädagogik 3. Teil. p. 205.
³) Zeitschr. f. d. österr. Gymn. 1852. p. 808. f. f.
³) Programm des Gymnasiums zum grauen Kloster 1870. 5) N. Jahrb. für Phil. u. Pädag. 2. T. 1881. p. 513. f. f.


