Aufsatz 
Die Behandlung der deutschen Grammatik an den höheren Lehranstalten
Entstehung
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Die Ge hia nolunq der deutockten Grammatik an den höhreren Lefiranostalten. Don Dr. W. HGauder. 3

I. Theoretischer Teil.

Wenn wir von den deutsch-grammatischen Lehrbüchern eines Aventinus, Iekelsauer, Oelinger und Clajus im 16. Jahrhundert absehen, so dürfte wohl besonders Johannes Kromayer zu erwähnen sein, der 1618 die erste deutschgeschriebene Elementargrammatik der deutschen Sprache herausgab. ¹) Viele Herausgeber ähnlicher Bücher der damaligen Zeit hielten es für notwendig, sich wegen ihres Vorgehens zu entschuldigen. Wir dürfen uns darüber nicht wundern. War doch in jener Zeit das Deutsche in der Schule überhaupt kaum geduldet. Erst in der Mitte des 18. Jahrhunderts, in den Zeiten eines Gottshed und Adelung, nahm das Studium der deutschen Sprache und mithin der deutschen Grammatik einen neuen Aufschwung. Wüährend man nun meinen sollte, dass durch das Auftreten des Altmeisters deutscher Sprachforschung, unseres Jacob Grimm, auch für die Behandlung der deutschen Grammatik in den Schulen, besonders auch den höheren Bildungsanstalten, eine bahnbrechende Methode eingeleitet worden sei, so ist das genaue Gegenteil Thatsache. In seiner deutschen Grammatik,(1. Band, 1. Ausg. 1819 in der Vorrede) sagt er, es sei eine wahre Pedanterie, das Erlernen der eignen Sprache unter die Lehrgegenstände aufzunehmen; das Studium der eignen Sprache könne nur ein streng wissenschaftliches, ein philosophisches, kritisches oder historisches sein. Bei diesem absprechenden Urteile Grimms, das so vielfache Zustimmung, aber auch Verurteilung erfahren hat, scheint uns nie genug hervorgehoben worden zu sein, dass er eigentlich mehr ein ein- gehendes Studium der deutschen Grammatik auf den Schulen, als deren Behandlung überhaupt verwirft. Mehr oder weniger denselben Standpunkt vertrat Heiland, ²) indem er verlangte, dass gelegentlich, besonders im Anschluss an den lateinischen Unterricht, das Notwendige aus der deutschen Grammatik gelehrt werden solle. UÜber dieses gelegentliche Unter- weisen werden wir weiter unten etwas eingehender sprechen..

Sehr ablehnend spricht sich auch Ph. Wackernagel ²) aus. Auch er weist einen be- sonderen grammatisehen Unterricht zurück, indem er hervorhebt, dass der Schüler in jeder Unterrichtsstunde, wenn anders jeder Lehrer seine Pflicht erfülle, Unterricht in der deutschen Sprache erhalte. Es sei ganz unsinnig, einen Knaben durch Tabellen deklinieren und kon- jugieren zu lehren. Er macht ferner darauf aufmerksam, dass ein gründliches Studium der Muttersprache vor dem vierzehnten oder fünfzehnten Lebensjahre unmöglich sei. Er macht ferner geltend, dass vor dieser Zeit weder der Knabe selbst, noch seine Sprache hinreichend entwickelt sei, um seine Muttersprache studieren zu können. Die Erscheinungen und Gesetze ihres Sprachgebrauches seien ihm in seinem Entwicklungsstadium nicht gegenständlich genug; ja es sei sogar gefährlich, ihn dieselben in seinem Zustande der Unreife lehren zu wollen.

.) Vgl. im übrigen den sehr lesenswerten Aufsatz von Hannsen: Neue Jahrb. für Phil. u. Päd. 1881. 2. Teil. ¹) Schmid's Encyclop. Artikel: deutsche Spr. p. 910. f. f. ³) Der Unterricht in der Muttersprache, 4. Teil seines Lesebuchs, Stuttgart 1863.