Aufsatz 
Richelieu und das französische Drama
Entstehung
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neuen Bewegung nahm. Franz I. berief gelehrte Italiener an seinen Hof und liess sie viele Werke der Griechen und Römer übersetzen. Die Folgen blieben nicht lange aus. Bis damals hatte man nur die Theater der Basoche, der Enfants sans Souci und der Confrérie de la Passion gekannt: Corporationen, die im vorhergehenden Jahrhundert gegründet und mit Patenten versehen worden waren. Jetzt hatte man an ihren Stücken kein Wohlgefallen mehr, der Geschmack hatte sich verfeinert. Die Moralitäten, Farcen, Sottien hatten aufge- hört das Volk anzuziehen. Es ist demnach nicht überraschend, dass im Jahre 1548 durch eine Parlamentsakte ihre Patente gelöscht wurden. Die Confrérie de la Passion erhielt ein von ihrem früheren ganz verschiedenes Privileg, wonach sie allein Erlaubnis hatte zu spielen, jedoch nur profane Mysterien, an denen niemand Anstoss nehmen würde. Die geistlichen Passions- mysterien verschwanden so für immer. Die Confrérie hatte das Spielmonopol, wer ein Drama aufführen wollte, musste ihre Concession einholen.

Während des Aufschwungs des gelehrten Buchdramas in den folgenden Jahren bis zum Ende des Jahrhunderts sind es hauptsächlich JTodelle und Garnier, welche unsere Auf- merksamkeit erregen. In JodellesCléopäâtre(1552) und in GarniersJuives(1583) ent- decken wir schon einen dramatischen Stil und eine Grundidee, von der die Dichter ausgehen. Ale xandre Hardy, dessen Dramen wirklich Spieldramen werden, folgt ihrem Beispiel und nimmt wie sie seine Stoffe aus dem Altertum; aber er arbeitet zu schnell, weniger aus innerem Antrieb als in der Absicht möglichst viele Stücke herzustellen, um seinen Lebens- unterhalt zu gewinnen.!)

Dann tritt in der Entwicklung eine Pause ein. Der Einfluss des Klassicismus nimmt ab, und das italienische, in vieler Beziehung auch das spanische Theater gewinnen die Ober- hand. Es ist die Periode der pastorale und der comédie galante. Ich erinnere an die schwülstigen Ausdrücke, die flachen Wortspiele und die gespreizten Charaktere in denAmours Tragiques de Pyrame et Thisbé von Théophile de Viaud(1625), in Racan's Bergeries(1618), Gombauld'sAmaranthe(1625).

Dieser Zustand konnte unmöglich lange anhalten, eine Reaction musste eintreten.

Jean de Mairet, welcher sich anfangs auch noch des schwülstigen Stils bediente, versuchte schon in derSilvie(1627) und derSilvanire(1634) wahre Menschen darzu- stellen und die Einheiten zu beobachten, und in derSophonisbe(1634) finden wir die na- türliche Sprache der wirklichen Leidenschaft. Die pastorale fühlen wir noch bei Corneille's Mélite heraus, aber auch er verlässt die falschen Pfade und wendet sich dem Studium der Antike zu, deren erste, wenn auch nicht ganz reife, Frucht der Cid sein sollte. Seitdem können sich die pastorale und die comédie galante nicht mehr erheben; es folgt ein kurzer, aber erbitterter Kampf zwischen der Tragicomödie und der eigentlichen Tragödie, die letztere geht schliesslich als Siegerin hervor. ²)

Wie konnte diese Wandlung so schnell vor sich gehen? Doch vergessen wir nicht, dass Selbst zur Zeit des Marinismus das Studium der Antike niemals gänzlich aufgehört, ¹) Ignorant ou incertain qu'il était du vrai gout du public, uniquement soucieux de réussir, Hardy essaya donc

alternativement de la pastorale, de la tragédie, de la tragi-comédie, sans autre ambition, plus littéraire ni plus haute que d'attirer les spectateurs à l'hôtel de Bourgogne.(Brunetière, Revue des deux mondes 1890,

1. Okt. pag. 700.) *²) ct. Ebert a. a. O. pag. 230, und Brunetière a. a. O. pag. 700.