Aufsatz 
Ueber den etruskischen Tauschhandel nach dem Norden / von Hermann Genthe
Entstehung
Einzelbild herunterladen

4

ist allerdings noch Streitfrage, während die in den Alpenländern und an der Vaucluse gefundenen etruskischen Münzen von vorn herein unanfechtbar waren. Es ist eben leichter die Herkunft von Münzen, als die Herkunft von Geräthschaften und Waffen zu bestimmen. Aber die Streitfrage erscheint als eine solche, die mit den vorhandenen Mitteln lösbar ist und die folgende Abhandlung soll die Lösung in der Weise versuchen, dass nicht nur das Resultat im Ganzen und Grossen gesichert, sondern auch für die Ermittelung des Zusammenhanges der Thatsachen einiger neuer Gewinn errielt wird. Es ist, meine ich, wohl an der Zeit, die Thatsachen, welche sich aus Gräberfunden der Länder diesseits der Alpen ergeben, einmal in möglichster Vollständigkeit zusammen- zufassen und ihrem Zusammenhange nachzugehen um das Bild eines Handels, der ge- raume Zeit vor Christi Geburt Italien mit dem Norden in Verbindung brachte, zu ent- rollen. Gerade gegenwärtig, wo Corssens mit allgemeiner Spannung erwartetes Werk züber die Sprache der Etrusker» dies bisher als ethnographisches Räthsel betrachtete Volk in unerwarteter Weise als ein zu den mittelitalischen Völkerschaften linguistisch gehöriges nachzuweisen versprochen hat, ist ein Verfolgen und Sammeln der Spuren des Einflusses etruskischer Civilisation auf die Alpenvölker und deren nördliche Nachbaren vielleicht doppelt willkommen.

Gräberfunde, welche Spuren solchen Einflusses enthielten, waren schon seit längerer Zeit gemacht, aber nicht in ihrer Bedeutung erkannt. Am hinderlichsten war der richtigen Erkenntniss der Irrthum, welchen ich für die Entwickelung der Alterthums- kunde als den folgenschwersten bezeichnen möchte, dass man nämlich so vielfach und so lange annahm, die aufgefundenen Alterthümer seien in den Gegenden, in welchen sie entdeckt wurden, auch verfertigt worden. Durch dieses Identificieren von Fundort und Fabrikationsstätte kum man zu den wunqderlichsten Folgerungen. Fast alle Völker- schaften Mitteleuropas erschienen im Gegensatze zu den anderweitig bezeugten Abstufungen ihrer Entwickelung und Cultur als gleichzeitig im Besitze einer gleichartigen Technik der Metallarbeit. Da nun in weit auseinanderliegenden Ländern Geräthschaften und Waffen ganz gleicher Art zu Tage kamen, so wusste man besonders für die unver- kennbare Uebereinstimmung des Stiles und der Ornamente schliesslich keinen anderen Ausweg als die Vermuthung, dass diese Uebereinstimmung wohl auf dem Erbe beruhe, welches die einzelnen Völker aus der gemeinsamen Urheimat der Indogermanen mitge- nommen hätten. Ausserdem müsse doch festgehalten werden, dass gewisse Formen und Verzierungsarten sich, wie es schien, auf einer gewissen Stufe der Entwickelung bei allen Völkern vorfänden, offenbar hervorgerufen durch die Wechselwirkung der bearbeiteten Stoffe und der noch unentwickelten menschlichen Gestaltungskraft. Man übersah, dass diese Erklärungsweisen nicht ausreichend waren. Die letztere bat nur Gültigkeit für unentwickelte Formen und barbarische Verzierungsweisen; die erstere lässt phönizisch-