Aufsatz 
Dr. Carl Kühner : (Direktor der Musterschule Dezember 1851 bis Ostern 1867) ; ein Lebensbild
Entstehung
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geweſen. Im Frühjahr 1848 hatte ſich hier ein Schulreform⸗Verein gebildet, deſſen Mitgliederzahl nach und nach bis auf 190 ſtieg; neben 110 Lehrern Männer aus verſchiedenen Berufsarten das mir vorliegende Verzeichniß zeigt Geiſtliche, Beamte, Aerzte, Advocaten, Kaufleute und Hand⸗ werker als Mitglieder, gleich den Lehrern von allen vorhandenen Confeſſionen.Der Verein hatte ſich nicht zum Ziele geſetzt, von einer Grundidee ausgehend, die Schulfrage auf theoretiſche Weiſe und mit ſyſtematiſcher Conſequenz und Gliederung zu behandeln, ſondern er ſetzte ſich die Aufgabe, die Bedürfniſſe der Schulen ſeiner Heimat im Einzelnen zu ermitteln und dann durch Austauſch der Anſichten und Erfahrungen ſeiner Mitglieder die den veränderten Verhältniſſen, dem Geiſt der Zeit und dem wahren Intereſſe der Jugend entſprechenden Mittel und Wege zur Befriedigung dieſer Be⸗ dürfniſſe zu erforſchen. In Folge davon beſtand die Thätigkeit des Vereins hauptſächlich darin, daß man ſich über diejenigen Verhältniſſe und Einrichtungen, welche eine Reform zu bedürfen ſchienen, verſtändigte, für die tiefer eindringende Beurtheilung derſelben eine Anzahl Commiſſionen ernannte und, nachdem dieſe Bericht erſtattet hatten, im Plenum berathſchlagte und Beſchlüſſe faßte.*) Mit dem am 18. Mai zum Vorſitzenden des Vereins erwählten bekannten Hiſtoriker Kriegk, damals Profeſſor am Gymnaſium und Inſpector der Weißfrauenſchule, war Kühner in freundſchaftliche Berührung ge⸗ kommen und richtete nun an dieſen 6 Briefe bezüglich der vom Verein gefaßten Beſchlüſſe, die Pro⸗ feſſor Kriegk zuſammen mitdrei Commiſſionsberichten des Frankfurter Schulreform⸗Vereins und den in Betreff derſelben von dieſem gefaßten Beſchlüſſen veröffentlichte.

Man muß ſich die hochgehenden Wogen jener Zeit vergegenwärtigen, in welcher man allen Uebeln durch Verfaſſungen und Organiſationen abhelfen wollte, in welcher auch jeder ſich zum Organiſiren berufen glaubte, man muß ferner nicht ganz unbekannt ſein mit der geſchichtlichen Ent⸗ wickelung hieſiger Kirchen⸗ und Schulverhältniſſe, um jene Berichte und Beſchlüſſe recht zu verſtehen. Auch Kühner, von dem man vermuthen dürfte, wenn man es nicht wüßte, daß er nach ſeinem ganzen maßvollen Weſen ſich nicht in den Wirbel der Zeit hineinreißen ließ, ging wegen der faſt gänzlichen Unbekanntſchaft mit den localen Verhältniſſen Frankfurts nur zögernd an die briefliche Kritik jener Beſchlüſſe in Folge der Aufmunterung des Profeſſors Kriegk. Der Standpunkt Kühners kennzeichnet ſich am beſten, wenn ich den Anfang des 3. Briefes(S. 24 f.) ſelbſt ſprechen laſſe Er lautet:Eine Zeit, wie die jetzige, iſt in der Geſchichte des Schulweſens noch nicht dageweſen.

Sonſt, wenn außerordentliche Bewegungen in der Schulwelt ſich zeigten, da war es ein un⸗ geſtümes Vorwärtsdrängen auf neugefundenen Bildungswegen und der ſchöne Enthuſiasmus, welcher auf jenen Wegen das junge Geſchlecht aus der verderbten Gegenwart in eine beſſere Zukunft hinüber zu retten ſuchte. Jetzt iſt das Getümmel mitten im Hafen. Der Wege, auf denen ſie das arme Volk zum Lande des Heils führen und des Steuers glauben ſie gewiß zu ſein, aber es iſt ein Mühen und Zanken um neue und beſſere Einrichtung der ſturmgewohnten Schiffe. Welcher An⸗ blick nun erquickender ſei jene abenteuerlichen und kühnen Segler von Deſſau, jene begeiſterte Wallfahrt nach Burgdorf zu dem Mann in Hemdärmeln, derwie ein Bettler lebte, um Bettler zu

*) Zur Organiſation des Schulweſens namentlich in größeren Städten. Briefe an ein Mitglied des Schul⸗ reform⸗Vereins zu Frankfurt a. M. Von Dr. C. Kühner. Mit einem Vorwort von G. L. Kriegk. Erſtes(und einziges) Heft. Frankfurt a. M. Brönner. 1849. S. das Vorwort. Herr Prof. Kriegk war ſo freundlich, mir einige gedruckte und ungedruckte Actenſtücke für die Bibliothek der Muſterſchule zu ſchenken und erläuternde Mittheilungen zu machen.