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erscheinen, als bis die Bedeutung des Chores für den Gang der Entwickelung klar hervor- getreten war.
Darum wünschte Goethe den Chor für den weiteren Verlauf der Dichtung in doppelter Hinsicht vorbereitend verwertet. In einer neuen, an den„14. Vers“ gereihten Strophe sollte sowohl seine ernste Wirkung auf die Guten, wie sein spurloses Vorübergehen an den Ruch- losen sich aussprechen, und hieran konnte sich wohlvermittelt der Ausruf des Mörders knüpfen, doch nicht überall hörbar, nur dem Kreise der Nachbarn vernehmlich. Dann sollte, nicht wie in Schillers erster Bearbeitung, die Entdeckung sofort dem Ausrufe folgen, sondern alles in epischer Breite sich bis zum Ende fortspinnen. Ibykus und die Kraniche, So dachte Goethe wohl, treten noch einmal stark in den Vordergrund und beschäftigen das Volk leb- haft; dann fliesst aus dem befreiten Gemüte die Vorstellung der Eumeniden in das Bewusst- sein hinüber, verbindet sich mit den Vorgängen, und so wird die Entdeckung herbeigeführt.
Auf diesen Vorschlag für die Entwickelung konnte aber Schiller im grossen und ganzen nicht eingehen, doch eine Anregung für einiges entstand ihm daraus. Noch bevor er ihn ernstlich erwogen hatte, schon auf den ersten Blick hin, schrieb er an Goethe:„Wie ich den Uebergang zu dem Ausrufe des Mörders anders machen soll, ist mir sogleich nicht klar, obgleich ich fühle, dass hier etwas zu thun ist. Doch bei der ersten guten Stimmung wird sich's vielleicht finden.“(30. August). Da sich Goethe gerade über diesen Punkt deut- lich genug geäussert hat, so ist diese Bemerkung für die grundverschiedene Auffassung der beiden Dichter sehr bezeichnend.
Nach einigen Tagen war sich Schiller klar geworden und hatte entschieden Stellung genommen. Er teilte es Goethe mit:„Was aber Ihre Erinnerung in Rücksicht auf die Entwickelung betrifft, So war es mir unmöglich, hierin ganz Ihren Wunsch zu erfüllen.— Lasse ich den Ausruf des Mörders nur von den nächsten Zuschauern gehört werden und unter diesen eine Bewegung entstehen, die sich dem Ganzen, nebst ihrer Veranlassung, erst mitteilt, so bürde ich mir ein Detail auf, das mich hier, bei so ungeduldig forteilender Er- wartung, gar zu sehr embarrassiert, die Masse schwächt, die Aufmerksamkeit verteilt u. s. W. Meine Ausführung soll aber nicht ins Wunderbare gehen, auch schon bei dem ersten Concept fiel mir das nicht ein, nur hatte ich es zu unbestimmt gelassen. Der blosse natürliche Zu- fall muss die Katastrophe erklären; dieser Zufall führt den Kranichzug über dem Theater hin, der Mörder ist unter den Zuschauern, das Stück hat. ihn zwar nicht eigentlich gerührt und zerknirscht, das ist meine Meinung nicht, aber es hat ihn an seine That und also auch an das, was dabei vorgekommen, e rinnert, sein Gemüt ist davon frappiert, die Erscheinung der Kraniche muss also in diesem Augenblick ihn überraschen, er ist ein roher, dummer Kerl, über den der momentane Eindruck alle Gewalt hat. Der laute Ausruf ist unter diesen Umständen natürlich. Da ich ihn oben sitzend annehme, wo das gemeine Volk seinen Platz hat, so kann er erstlich die Kraniche früher sehen, ehe sie über die Mitte des Theaters schweben; da- durch gewinn' ich, dass der Ausruf der wirklichen Erscheinung der Kraniche vorhergehen kann, worauf hier viel ankommt, und dass also die wirkliche Erscheinung derselben bedeutender wird. Ich gewinne zweitens, dass er, wenn er oben ruft, besser gehört werden kann. Denn nun ist es gar nicht unwahrscheinlich, dass ihn das ganze Haus schreien nört, wenn gleich nicht alle seine Worte verstehen.— Dem Eindruck selbst, den seine Exclamation macht, habe ich noch eine Strophe gewidmet, aber die wirkliche Entdeckung der That, als Folge jenes Schreies, wollte ich mit Fleiss nicht umständlicher darstellen: denn sobald nur der Weg


