Aus dem Balladenjahre 1797.
Hundert Jahre zurück liess das vergangene Jahr den Blick schweifen im Bereiche der deutschen Dichtung.) Das Jahr 1797,„in dem der geistige Austausch der beiden grossen Freunde auf einen Höhepunkt gestiegen war“, in dem„zuerst die langsam gereifte Saat reichen Erntesegen gegeben hat“, und das darum ein bedeutungsvolles für die deutsche Litteratur geworden ist, nannte Schiller in einem Briefe an Goethe„das Balladenjahr“ (22. September 1797). Der Betrachtung einer Ballade Schillers sind deshalb die folgenden Blätter gewidmet, der Entstehungsgeschichte und Komposition der Kraniche des Ibykus, gewährt sie doch einen tiefen Einblick in die regen und wirkungsvollen Beziehungen der grundverschiedenen Dichtergeister. ²)
*
Die Entstehungsgeschichte. ³)
Die Anregung zur Balladendichtung, die Goethe und Schiller im Jahre 1797 be- schäftigte, schreibt Hoffmeister(III 288) mit Recht Schiller zu, der zuerst von einer Ballade sprach(SchG 2. Mai). Viehoffs Einwurf(S. 14), dass Goethe bereits im Jahre vor- her an„Hero und Leander“ gedacht habe(SchG im Mai 1796), ist hinfällig, denn Goethe selbst hat wiederholt Schiller als Urheber genannt(Hettner 227, Goldschmidt 21). Den Entschluss zu ernster, wetteifernder Thätigkeit in dieser Kunstgattung fassten die beiden Dichter wohl bei einer ihrer Begegnungen im Frühling 1797(Hettner 226, Viehoff³).
Bis zum 31. Juli dieses Jahres hatte Schiller ausser dem Fragment des„Don Juan“ (§. Gedichte. Goedeke 216 ff.) die Balladen“)„Der Taucher“,„Der Ring des Polykrates“ und„Ritter Toggenburg“ gedichtet(s. Kalender und den einschlägigen Brfw. SchG). Bei der Uebersendung des Polykrates an Goethe bemerkte er:„Es ist ein Gegenstück zu Ihren Kranichen“(26. Juni), und dieser drückte in seiner Antwort den Wunsch aus, dass ihm sein Gegenstück doch ebenso geraten möge(27. Juni). Demnach sollten die Kraniche ursprünglich von Goethe bearbeitet werden.
Wohl während seines Besuches in Weimar(SchG 10. und 19. Juli) vom 11. bis 18. Juli wurde auch Schiller für die dichterische Darstellung des Stoffes gewonnen, ohne dass deswegen Goethe zunächst auf seine Absicht verzichtet hätte. Am 16. Juli schrieb
¹) Vgl. hierzu und zum Folgenden: Berichte des Hochstiftes zu Frankfurt am Main. 1898, I 1.
²) Es ist natürlich, dass diese Abhandlung vielfach Bekanntes wiederholt. Ihr Streben ist wesentlich auf eindringende Besprechung gerichtet.
²) Die Erklärung der gebrauchten Abkürzungen und ein Litteraturverzeichnis s. am Schlusse.
⁴) S. über die spätere Beseitigung dieser Bezeichnung Kettner, auch Viehoff. Den Handschuh nannte der Dichter eine Erzählung, s. Viehoff 622.


