ſetzung wird er geübt, das Geſonderte und Einzelne zu einem logiſchen Ganzen zu verbinden. Man kann die Grammatik als eine Art Logik conſtruirt in Wörtern, ſowie die Geometrie als eine Art Logik conſtruirt in Linien anſehen: es iſt folglich eine Art von logiſchem Curſus, welcher in dieſen Studien durchgemacht wird, deren Zweck alſo keineswegs nur iſt, das Gedächtniß zu üben, ſondern auch die Urtheilsgabe; auch nicht einzig und allein gleichgiltige Wortformen einzulernen, ſondern auch die Denkkraft zu ſchärfen, dadurch, daß ſie die verſchiedenen Bedeutungen dieſer Wortformen auffaßt. Eigentlich hat jedes Kind einen ſolchen logiſchen Curſus durchgemacht, als es die Mutterſprache lernte, aber dieſes geſchah ohne klares Bewußtſein der Regeln. Die Grammatik erhellet die Gegend, welche im Finſtern durchwandert worden iſt, und ordnet die dunkeln Gegenſtände zu einzelnen und beſtimmten Gruppen. Die Sprachlehre iſt in dieſer Beziehung eine Repetition, aber eine bildende, weil ſie den Begriff entwickelt und ſowohl die Abſtraktions⸗ als die Combinationsgabe ſtärkt. In dieſem Sinne haben Sprachſtudien ihren eigenen Zweck bei dem Elementar⸗ unterricht. Im Uebrigen aber ſind ſie Mittel und bezwecken Inſtrumentalkenntniſſe, nothwendig um die Litteratur der Sprache zu faſſen. Die bildende Kraft der letzteren beruht auf ihrem Gehalt, ihrem Umfang, ihrer Merkwürdigkeit. Iſt ſie z. B. wie die klaſſiſche ausgezeichnet durch Klarheit der Ideen, durch unge⸗ ſchminkte Schönheit der Darſtellung, durch die Ruhe, welche die gewöhnliche Begleiterin der Kraft und der Sicherheit iſt, durch eine großartige Einfachheit ohne Zierrath und Putz; führt ſie den Jüngling in eine Welt von Klarheit und Kraft unter herrliche Erben der Menſchheit, unter Erben des Olymp, ſollte nicht ein ſolcher Umgang bildend ſein für das junge Gemüth? Sollte von dem freiſinnigen Geiſte der klaſſiſchen Vorzeit, von der Ordnung und Beſtimmtheit, von dem Schönheitsgefühl und der Geiſteskraft derſelben nichts übergehen auf den bewundernden Schüler? Die großen Alten waren doch für Mehrere unter uns die Haus⸗ götter unſerer Jugend; haben wir vergeſſen, was wir ihnen ſchuldig ſind? Wir leben unter andern Ver⸗ hältniſſen als ſie; die Bildung der Zeit hat eine andere, in manchen Fällen eine entgegengeſetzte Richtung genommen; Religion, Staatsverfaſſung, Denkweiſen, Sitten ſind verändert: aber ſo feſt ſind viele ihrer Werke angelegt, ſo einfach und leicht ausgeführt, ſo ſchön gerundet, daß ſich in ihnen noch nach Jahrtau⸗ ſenden das edelſte und wahrſte Bild der Menſchheit abſpiegelt. Daher wirken ſie nicht blos auf die Jugend, ſondern der Mann wendet ſich auch in reiferen Jahren mit Freuden den alten Meiſtern zu. Oder wen gibt es, der nicht gerne wiederum ein Idyll lebte mit dem alten Homerus, oder ein Heldenleben mit Plu⸗ tarchus? Wer lauſcht nicht willig zum andern, vielleicht zum zehnten Male auf einen Sermon des Oberhof⸗ predigers der Poeſie, des Weiſeſten unter den Dichtern, des ſokratiſchen Horatius? Oder wir ſteigen auch hinab in die Tiefe mit Tacitus und denken die bodenloſen, die centnerſchweren, die weltumfaſſenden Römer⸗ gedanken. Die Möglichkeit hierauf vorzubreiten und die Tempelpforten zu den Heiligthümern der Vor⸗ zeit zu öffnen, das iſt in Wahrheit ein würdiges Ziel für den Lehrer der Schule, und wenn dieſes erreicht wird, ſo iſt ſeine Anſtrengung nicht vergeudet für die Menſchheit.“
Aus den letzteren Worten ergibt ſich von ſelbſt, welche Sprachen Tegnér als Bildungsmittel in den Elementarſchulen gelehrt wiſſen will. Der Dichter, der ſelbſt dem Studium der claſſiſchen Sprachen ſo außer⸗ ordentlich viel für ſeine dichteriſche Bildung verdankt, iſt voll des Lobes und der Bewunderung, ſo oft er auf die griechiſchen und lateiniſchen Schriftſteller zu ſprechen kommt. Beſonders merkwürdig in dieſer Be⸗ ziehung iſt ſeine Rede bei dem Schluſſe der öffentlichen Vorleſungen zu Lund 1824, wo er von ſeinen Schülern Abſchied nimmt, ſich in glänzenden Worten über die Bedeutung des Studiums der griechiſchen Litteratur für die Gegenwart verbreitet und den Character und Unterſchied der griechiſchen, morgenländiſchen, nordi⸗ ſchen, mittelalterlichen und modernen Poeſie durch herrliche Bilder beleuchtet. Als Humaniſt vom reinſten Waſſer hält er die Behauptung nicht für allzu kühn: 1 Ich könnte Ihnen ſagen: daß nicht nur keine akade⸗ miſche Gelehrſamkeit, ſondern ſogar im Allgemeinen keine höhere Bildung möglich ſei ohne Kenntniß des Griechiſchen.“ 2,Die Elementarſchulen beabſichtigen im Allgemeinen Etwas, was zu allen Zeiten das Be⸗ ſtehende bleiben muß, deßhalb weil es das allgemein Menſchliche oder, wie es auch mit einem treffenden Namen genannt wird, das Humaniſtiſche iſt.— Wie ſich die Zeit auch wenden möge, ſo können wir uns
1) Antrittsrede bei der Aufnahme in die ſchwediſche Alademie. 1819. 2) Rede am Gymnaſium zu Wexiö. 1826.


