Aufsatz 
Studien über John Milton's poetische Werke / Ferdinand Lotheissen
Entstehung
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England iſt in der Geſchichte der letzten Jahrhunderte, wie Hellas im Alterthum, das Land ſelb⸗ ſtändiger Entwicklung und gewährt dadurch die günſtigſte Gelegenheit zur Entfaltung der verſchieden⸗ artigſten Naturen. Dies zeigt ſowohl die politiſche Geſchichte der beiden Länder, die eine Fülle der anzie⸗ hendſten Characterbilder darbietet, als auch ihre Literatur, welche durch dieſen Vorzug mächtig gefördert wird. Es ſind nicht allein die Dichtungen und Werke der Männer, es ſind auch die Männer ſelbſt, auf die wir achten, deren Leben und Thaten uns feſſeln. Keine der modernen Literaturen hat eine ſolche fortlaufende Reihe von Dichtern und Schriftſtellern aufzuweiſen, die auch als Menſchen der Beachtung werth ſind, keine kann ſich eines ſolchen Reichthums der mannichfaltigſten Charaktere rühmen, die alle, von der früheſten Zeit der engliſchen Geſchichte an, ſich durch einen auffallenden Grad von Reife auszeichnen. Von dem heiter genialen Chaucer, dem ritterlichen Surrey, von Sidney, Spenſer, dem wilden Marlowe, Shakeſpeare und Ben Jonſon bis zu Milton, Addiſon, Swift, Sheridan, Goldſmith und in neueſter Zeit bis zu Byron, Southey, dem liebenswürdigen Schwärmer, und Moore welche merkwürdige Reihe ſtets neu auftretender, verſchiedener und doch bedeutender Männer.

Von ihnen allen iſt Milton nicht bloß als Dichter einer der bedeutendſten, er iſt auch als Mann den groͤßten ſeines Landes zuzugeſellen. Denn in ihm vereinten ſich die Gaben der tiefſten und erhabenſten Poeſie mit wahrhaft antiker Klarheit und Charakterſtärke.

Miltons Jugend fällt in eine der denkwürdigſten Perioden der engliſchen Geſchichte, in die Zeit der Gährung und des allmähligen Heranwachſens der großen Revolution. Der Kampf, der ein halbes Jahr⸗ hundert das engliſche Volk bewegte, wurde auf dem politiſchen und religiöſen Gebiet zugleich geſchlagen, und ſchwoll deßhalb zu ſolcher Bedeutung empor, weil er alle geiſtigen Intereſſen mit einem Male berührte. Religion und Politik entflammten zu gleicher Zeit die Leidenſchaften, die das Land bis in das Innerſte erſchütterten.

Gewaltige Revolutionen entſtehen nicht plötzlich, das geübte Auge ſieht ihr Kommen von Weitem. In England bereitete ſich ſchon lange der Kampf um die Freiheiten des Landes vor. Das alte Recht der briti⸗ ſchen Parlamente und die Magna Charta, dieſes Kleinod in den Augen jedes Engländers, waren zwar von allen engliſchen Herrſchern oft genug im Einzelnen überſehen und verletzt worden, im Ganzen aber hatten ſie ſich nie geweigert, dieſelben anzuerkennen und ihnen nachzukommen. Selbſt die gewaltthätigen Tudors hatten nie daran gedacht, das Bewilligungsrecht der Parlamente aufzuheben, und die große Eliſabeth verdankte ihre Erfolge und ihre Macht gerade dem Umſtande, daß ſie dem laut ausgeſprochenen Willen ihres Volkes ſtets nachzugeben wußte. Mit den Stuarts aber, die nach dem Tode der Königin Eliſabeth 1603 die Krone Englands mit der von Schottland vereinigten, kamen andere Grundſätze zur Geltung. Schon unter Jacob. zogen ſich ſchwere Wolken zuſammen. Der Koͤnig war ein Pedant und ein geiſtloſer Schwächling, der ſich

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