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chenſchule von 50 Kindern. Außer dieſen Gemeinden beſtehen durch das ganze Land hindurch ſogenannte „evangeliſche Vereine“, welche eine Reformation unabhängig von der von außen hereingekommenen anſtreben und an deren Spitze bedeutende Perſönlichkeiten, theils Geiſtliche, theils Laien ſtehen, wie De Sanktis, früher Unterſuchungsrichter bei der römiſchen Inquiſition, Gualtieri, ein ehemaliger Prieſter von großen Gaben, der Advokat Mazarella, jetzt Profeſſor der Philoſophie zu Bologna, Graf Guicei⸗ ardini, ein ſchon aus den vierziger Jahren durch ſein evangeliſches Bekennen und Dulden bekannter Florentiner. Von Gavazzi, Paſſaglia und Andern wollen wir nicht reden, da ihre reformatoriſchen Ideen zu ſehr das Gepräge der Tagespolitik an ſich tragen. ¹) Freilich iſt die Zahl der Angehörigen aller dieſer Gemeinden und Vereine zuſammen genommen verſchwindend klein; allein war nicht auch zu jenen Zeiten, als die Samenkörner des Evangeliums zum erſtenmale über die Alpen getragen wurden, die Auf⸗ nahme daſelbſt verhältnißmäßig eine geringe? Und hatte dieſelbe nicht im Verlaufe eines Jahrzehntes eine Ausdehnung gewonnen, der nur die größte Anſtrengung der Inquiſition Einhalt zu thun vermochte?
Wird aber wohl heutzutage jene kleine Heerde dasſelbe traurige Schickſal erfahren, wie es der Herzo⸗ gin von Ferrara und ihren Schützlingen zu Theil geworden? Wir glauben ihr eine beſſere Zukunft ver⸗ heißen zu dürfen. Von den beiden Haupthinderniſſen, welche damals der Verbreitung des göttlichen Wor⸗ tes im Wege geſtanden, iſt ja nur eines bis auf unſre Tage ſich ziemlich gleich geblieben, nämlich der Charakter des italieniſchen Volles. Von der breiten Unterlage der Sinnlichkeit, welche damals dasſelbe abhielt, mit allem Ernſte Hand ans Werk zu legen, hat es, wie es ſcheint, nur wenig verloren und wenn auch mehr Entfremdung von ſeinem alten Glauben bei demſelben Platz gegriffen, ſo iſt die in Folge davon eingeriſſene Frivolität, die einſeitige Verſtandesrichtung und die hie und da aufwallende Sanguinität eben⸗ ſo wenig wie zu jenen Zeiten als eine Vorbereitung zum entſchiedenen Ergreifen und Feſthalten des innern Kernes der Reformation anzuſehen, welches tiefen Ernſt und ungetheilte Willenskraft erheiſcht. Möchten die Beherrſcher des unglücklichen Volkes ſtatt ihre eigennützigen Zwecke zu verfolgen, demſelben gewähren, was zu ſeinem Frieden dient; möchten ſie ihm Schulen und Unterricht vergönnen, und dadurch es befähigen, ſein Heil nicht in äußern Verhältniſſen, ſondern durch und in ſich ſelbſt zu begründen! Aber leider liegt dieſe Zeit vielleicht noch in weiter Ferne!
Doch ein anderes Hinderniß, welches wie eiſiger Froſt die erſten Triebe der eangelſchen Lehre zu Renata's Zeiten erſtickte, die Inquiſition und ihre grauſame„rückſichtsloſe Verfolgung, iſt heutzutage in ſei⸗ ner Kraft gebrochen. Oder wird irgend Jemand den Beweis zu führen im Stande ſein, daß dieſelbe noch in der nämlichen unwiderſtehlichen Machtfülle beſtehe, wie wir ſie in dem folgenden Lebensbilde werden kennen lernen?
So kehren in der Geſchichte wohl ähnelnde, aber nie gleiche Zuſtände wieder: Nur die Wahrbeit bleibt ſtets ſich ſelber gleich und wenn ihr Licht auch zu öfteren Malen durch dichte Nebel verdrängt wor⸗ den, ſo findet ſie doch endlich ihre ſiegreiche Morgenröthe.
Quellen. La vie de Renée Duchesse de Ferrare par M. Catteau. Berlin aux dépens de l'Auteur.
Renca von Eſte und ihre Töchter. Von Ernſt Münch. 2 Bände. Aachen und Leipzig. J. A. Mager 1831.
1) S. die evangeliſche, De u in Italien. Nach einem mehrjährigen Aufenthalte in Italien geſchildert von E. Nitzſch, Terdizer. Berlin. Wilh. Hertz. 1863.


