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bewahrt zu haben, sondern auch die geistige Eigenart und das Stammesbewusstsein sind in ihnen lebendig geblieben. Einzelne Vorträge und namentlich die Konferenzen boten besonders viel Volkskundliches, gewährten Einblick und Aufschluss in Bezug auf den englischen Nationalcharakter, das Staats- und Gemeindewesen, politische, wirtschaſtliche und soziale Verhältnisse, das Bildungswesen in allen seinen Verzweigungen, geistige Strömungen und Bestrebungen auf allen diesen Gebieten.
Zahlreiche Fragen mussten sich uns aufdrängen, und wenn sie auch nicht gleich erschöpfende Beantwortung finden konnten, so boten sich doch treffliche Unterlagen für das weitere Studium derselben. Ich erinnere nur an folgende Fragen: Einfluss der eigen- artigen Landbesitzverhältnisse auf die wirtschaftliche und soziale Entwicklung des Volkes, Wirkungen der Umwandlung Englands in einen Industriestaat— wir sind ja anscheinend auch auf diesem Wege— aut das Volksleben, Licht. und Schattenseiten des englischen Staatsgedankens, namentlich hinsichtlich des Bildungswesens, Einfluss der Gelehrten- und Schriftstellerwelt auf das Milieu, Verhalten und Verkehr der verschiedenen Klassen unter einander, die Grundanschauungen, die herrschenden Ideen des heutigen englischen Volkes, Frage nach den Quellen, Zielen und Wirkungen des Imperialismus in wirtschaftlicher, politischer, sozialer und nationaler Hinsicht und in Bezug auf das Bildungswesen u. dergl. mehr. Was kann es Interessanteres geben, als den vielseitigen, vielgegliederten Organismus eines grossen Kulturvolkes gleichsam in seinem Wirken und Werden zu beobachten? Vieles, was ich jenseits des Kanals gehört und gesehen habe, hat mir neuen Aufschluss gegeben über Fragen der älteren, namentlich aber der jüngeren Litteratur und wird mir auch vieles der Litteratur der nächsten Zukunft verständlicher machen.
Unsere Leiter von Heer und Flotte studieren eifrig und gewissenhaſt die Fort- schritte der grossen Völker auf diesen Gebieten. Thun wir das Gleiche auf dem der Volkskunde im weiteren Sinne des Wortes, namentlich aber des Bildungswesens! Nicht sklavisch nachahmen, was die Fremde aufweist, wohl aber forschen, was dort ist und wird, es prüfen nach seinen Ursachen und Wirkungen und das Brauchbare nehmen, das ist auch für uns, so hoch wir auch stehen mõgen, ein Gebot der Notwendigkeit. In England herrscht heute insbesondere im Bildungswesen ein Vorwärtsstreben, das unsere Beachtung, unser aufmerksames Studium verdient. Der Imperialismus, der heute so ziem- lich das ganze englische Volk erfasst hat, der nahezu eine Rolle spielt wie einst unsere deutsche Frage, ist heute ein mächtiger Impuls. Auf dem Boden nationalpolitischer und wirtschaftlicher Verhältnisse aus dem starken kolonisatorischen Instinkt*) und einem lebendigen Nationalbewusstsein erwachsen, ist er ein gewaltiger Faktor hinsichtlich der Volksbildungsbestrebungen. Wer ihn nicht kennt, versteht das England unserer Tage nicht. Zwischen ihm und der Extension Movement besteht ein inniger Zusammenhang. „Die Ext. Mov. ist teils imperialistisch, teils demokratisch“, rief Mr. Marriott aus. Noch erkennt man in England freimütig an, dass unser Schulwesen auf einer hohen Stufe
*) Eine historische Begründung des Imperialismus enthält: Expansion of England by Sir J. R. Seeley. London, Macmillan and Co.


