Aufsatz 
Über den frühen Religionsunterricht / Philipp Christian Jakob Engel
Entstehung
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Daß reine Religioſität das Heiligſte und Vollendetſte ſey, dazu der Menſch ſich zu erheben vermag, haben die Weiſeſten aller Zeiten bekannt und, voll dieſer Ueberzeugung, mit Kraft und Anſtrengung darnach gerungen. Soll aber dieſe höchſte, vollkommenſte Blüthe des Menſchengeiſtes ſich entfalten; ſo muß es ein Hauptaugenmerk des Religionsunterrichtes werden, das Ge⸗ müth zu beleben und mit ächtem, lebendigem Glauben zu erfüllen. Denn er iſt die lichte Sonne, welche dem geſammten Leben die reinſte Fülle und Klarheit gewährt, in ihm allein ruht der Menſchen Heil, und in des Ge⸗ müthes freier lebendiger Regung offenbart ſich am tiefſten und mächtigſten das ächt Menſchliche, das nach dem Höchſten ringt.

Verſchieden waren von jeher die Wege, auf welchen der Ingendbild⸗ ner ſeine Zöglinge dieſem Ziele entgegen zu führen ſteebte. Sehr frühe, ſo urtheilte man in der Vorzeit, müſſe der Religionsunterricht beginnen, und richtig entſchied hier das eigne religiöſe Bedürfniß der Väter. Allein ſte waren nicht immer glücklich in der Wahl der Mittel, ſie beobachteten meiſtentheils zu wenig ein ſtufenweiſes Fortſchreiten in Ertheilung deſſelben, und irrten darin, daß ſie dem Gedächtniß Lehren einzuprägen ſuchten, die der Verſtand nicht zu faſſen vermochte. In der ſpäteren Zeit glaubte man allen Religionsunterricht von der Jugend bis zu einem gewiſſen Alter ent⸗ fernen, und ihr durchaus nichts von Gott und göttlichen Dingen ſagen zu müſſen. War aber die für die erſte Ertheilung religiöſer Wahrheiten be⸗ ſtimmte Periode eingetreten; dann knüpfte man an irgend eine wichtige,

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