Aufsatz 
Die Fabeln des Phaedrus in der Quarta des Gymnasiums innerhalb der Konzentration / von Karl Maurer
Entstehung
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schrift bekannten Strich.) Ein Schüler fährt nun fort: Die nächste Silbe ist sus; das u ist von Natur kurz(wird bezeichnet), ebenso das i in ill. Der Lehrer wirft nun die Frage auf, ob an dieser Stelle des Taktes eine kurze Silbe stehen könne und erhält die Antwort: Nein. Also betrachten wir die folgende Konsonanz und finden, daſs das von Natur kurze i durch die Doppelkonsonanz II positionslang wird. Takt 2 ist also ein Jambus*. Ebenso werden die Takte 3 und 4 von je einem Schüler als Jamben erkannt und an der Wandtafel als solche bezeichnet.

Darauf folgt eine nochmalige sorgfältige Erklärung und Lesung der Takte 1 4, ehe man zu Takt 5: tis vi- fortschreitet. Ein Schüler erklärt i in der Silbe tis als von Natur kurz-, aber durch Position langwertig. Das erste i in viribus ist allen als naturlang bekannt. Wir erhalten also einen Takt*. Der Lehrer wird darauf die weitere neue That- sache mitteilen, daſs Phaedrus anstatt der jambischen Silbenfolge 1 den Spondeus* kann eintreten lassen, der, weil er anstatt des Jambus eingetreten ist, den Ton auf dem zweiten Taktteile trägt. ¹ Gelegentlich der Erklärung der Positionslänge ist die Klasse mit dem zeit- lichen Werte der kurzen und langen Vokale, als 1, bzw. 2 Zeiteinheiten betragend, bekannt ge- worden. Der jambische Takt enthält demnach 3 Zeiteinheiten. Da wir aber in metrischen Dingen, so weit möglich, die Anknüpfung an die Musik zu suchen pflegen, so dürfte sich diesem oder jenem Schüler der folgende richtige Gedanke aufdrängen: In der Musik kann im allgemeinen anstatt eines% Taktes nicht plötzlich ein ½⅛ Takt eintreten; wie darf sich also hier unter die je 3 Zeiteinheiten messenden jambischen Takte ein 4 Zeiteinheiten darstellender Spondeus eindrängen? Einige Knaben, die in ihrem musikalischen Wissen weiter fortgeschritten sind, kennen die Thatsache, daſs sich in den sg. Triolen Notenverbindungen finden, die an eigentlichem Wert die zeitlich gleichlangen Taktteile übertreffen, jedoch zur Ausführung nicht mehr Zeit beanspruchen dürfen als jene, also bei der Ausführung an ihrem eigentlichen Werte verlieren. Eine ähnliche Verkürzung, wie sie die Triole erleidet, erfährt die erste Länge des Spondeus, wenn er einer jambischen Reihe einverleibt ist. Es verbleiben also dem Spondeus nicht 4, sondern nur etwa 3 ½ Zeiteinheiten gegenüber den 3 des Jambus, wodurch das rhyth- mische Gleichmaſs keine Schädigung erfährt. 2 Auf solche Weise vermag man schon in Quarta im Anschlusse an vorhandenes Wissen ein Verständnis der sg. irrationalen Takte zu er- zielen, natürlich ohne diesen Namen, der nur belasten würde, zu nennen. Als häusliche Auf- gabe, oder auch sofort in der Schule werden nun eine Anzahl spondeischer Wörter zu suchen sein, z. B. früctüs, virtüs u. s. w.

Wir kommen nun im 6 Takte zu einer weiteren neuen Thatsache. Ein Schüler erkennt das i in ri- sowie das u in bus als Kürzen. Wir erhalten demnach die Silbenfolge 2. Einem oder dem anderen Schüler wird es auffällig sein, dals hier in dem tontragenden Taktteile eine Kürze steht. Zur Erklärung des Pyrrhichiuss geht man wieder von der Erfahrung der Schüler aus. Man läſst dieselben einen Satz in ihrer gewöhnlichen Sprechweise wiedergeben, z. B.: Siehst du die Blumen? Der Knabe wird nun darauf hingewiesen, dalſs er am Schlusse des Satzes die Stimme sinken läſst, und dals infolge dessen das e oder n der

¹ Von einer Erklärung der Taktnamen darf auf dieser Stufe füglich abgesehen werden.

Die Berechnung dieser verkürzten Länge siehe bei A. Rofsbach u. R. Westphal, Metrik der Griechen* I., p. 529.

3 Die Scheidung katalektischer und akatalektischer Verse kann dem Quartaner erlassen bleiben.