Ueber consul und consulere.
Diese beiden Wörter zu deuten, sind schon vielfache Versuche gemacht worden. Niebuhr, Th. Mommsen, Schömann, Pott, Corssen und viele andere haben sich mehr oder weniger eingehend darüber ausgesprochen. Aber zu einem sicheren oder auch nur einiger- maſsen befriedigenden Resultate ist man bis auf den heutigen Tag nicht gekommen. Das geht schon daraus hervor, daſs fast jeder eine andere Meinung aufgestellt hat. Es verlohnt sich daher wohl der Mühe, diesen Gegenstand von neuem in Angriff zu nehmen und einer ein- gehenden Behandlung zu unterziehen, vorausgesetzt dals man mit gutem Grunde annehmen kann, zu den bereits vorhandenen Vermuthungen nicht bloſs eine neue zu fügen. Das Conjicieren ist überall eine bedenkliche Sache, ganz besonders aber auf dem eben so schlüpfrigen als verführerischen Gebiete der Etymologie, wo eine nicht durch strenge Gesetze gezügelte Phantasie jeden Augenblick in Gefahr ist in die Irre zu schweifen, und wo die Kunst des Schweigens und das Geständnis des Nichtwiſsens viel mehr geübt werden sollte, als es in der That der Fall ist. 1
Zuvörderst mufs ich von den Meinungen anderer reden. Denn das versteht sich von selbst, dals man an Namen, wie die eines Niebuhr, Mommsen, Schömann, welche an und für sich eine Macht sind, nicht schweigend vorübergeht.
Niebuhr Röm. Gesch. 1, 578 sagt:„Ohne Zweifel bedeutet der Name Consuln ganz einfach Collegen. Die Sylbe sul findet sich mit der Bedeutung eines der ist, in praesul und exsul, die nämliche Bedeutung hat consentes, Jupiters Götterrath.“
Fafsen wir zuerst die materielle Seite von Niebuhr's Meinung, der viele andere gefolgt sind, in's Auge. Der Name consul, in griechischer Uebersetzung durch drœαrog wiedergegeben, kam erst mit dem Sturze der Decemviren im J. 449 auf, vordem hieſs er judex(Liv. 3, 55; Cic. Leg. 3, 3§ 8), anfangs praetor, griech. oroœrnyοs. Praetor ist offenbar durch Contraction aus praeitor entstanden, wie praebeo nach weggefallenem h aus praehibeo, praemium aus prae- imium ¹), d. i. das was einer vor anderen, also vorzugsweise bekommt. Varro L. L. S. 34 M.
¹) Dem Worte liegt ohne Zweifel emere zu Grunde, wie dem eximius. Die ursprüngliche Bedeutung von emere ist nehmen, empfangen, und diese bricht in den compositis noch deutlich hervor. Auch Festus S. 76 M. sagt Emere, quod nunc est mercari, antiqui accipiebant pro sumere, und S. 4 Emere antiqui dicebant pro accipere. Der Begriff kaufen mag sich aus der üblichen Redensart pretio emere entwickelt haben.
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