Krinagoras von Mpytilene.*)
Zu den Ueberreſten der griechiſchen Litteratur, für deren Kritik und Erklärung noch Vieles zu thun übrig iſt, gehört vor Allem die umfangreiche Sammlung, die ſich unter dem Namen der griechiſchen Anthologie erhalten hat. Zwar hat ſich Jacobs um dieſelbe ſehr bedeutende Verdienſte erworben; aber bei den großen Schwierigkeiten der Arbeit und dem beträchtlichen Umfang der Sammlung war es natürlich den Kräften eines einzelnen Mannes unmöglich, hier völlig Befriedigendes zu leiſten, und es wird noch langjähriger Anſtren⸗ gungen und der vereinten oder ſucceſſiven Bemühungen Vieler be⸗ dürfen, um dem Terte denjenigen Grad von Lesbarkeit zu geben und das Verſtändniß deſſelben ſo weit zu fördern, als dieß bei ſo vielen Schriftwerken des Alterthums bereits geſchehen iſt. Denn die bei Weitem überwiegende Mehrzahl der Epigramme bedarf noch der Emendation und einer genügenden Erklärung, und eine genauere Betrachtung lehrt, daß dieß ſelbſt bei ſehr vielen der Fall iſt, bei welchen man bisher gar keine Schwierigkeiten gefunden hat. Bei einer ſolchen Arbeit wird es aber vor Allem nöthig ſein, wieder auf den Weg zurückzukehren, welchen Brunck eingeſchlagen hatte, d. h. die Epigramme jedes einzelnen Dichters zuſammenzuſtellen und zu⸗ nächſt für ſich zu betrachten. Es war zwar ganz in der Ordnung, daß Jacobs, nachdem er in den Beſitz einer getreuen Abſchrift der palatiniſchen Anthologie gekommen war, dieſe zunächſt abdrucken ließ; aber für die Folge wird die völlige Planloſigkeit, mit welcher die Sammlung des Konſtantinus Kephalas angelegt iſt, die Ueberſicht gar ſehr erſchweren; denn in dieſer ſind weder die Gedichte nach
*) Vorgeleſen in der Geſellſchaft für Wiſſenſchaft und Kunſt zu Gießen am 4. Februar 1848. Dieſe urſprüngliche Beſtimmung nachſtehender Abhand⸗ lung bittet man in Bezug auf die Form derſelben zu berückſichtigen.
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