Aufsatz 
Einige Bemerkungen über die Prüfung der intellectuellen und sittlichen Anlagen der Jugend, welche in öffentlichen Schulen statt finden kann / Friedrich Karl Rumpf
Entstehung
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Die Grundſutze, welche bei der Pruͤfung der Anlogen nie därfen vernachlaͤſſiget werden, wenn man ſich nicht mannigfal⸗ trigen Irrthuͤmern ausſetzen will, gelten theils bei der Beobach⸗ rung der Jugend uͤberhaupt, theils finden ſie nur in öͤffentlichen Schulen ihre Anwendung. Unteer die erſtern gehoͤrt vorzuͤg⸗ lich die ſtaͤre Ruͤckſicht auf das Alter und die Eigenſchaften deſſelben. Denn ohne dieſelbe wüͤrde man die Jugend ent⸗ weder zu guͤnſtig oder zu ſtreng, auf jeden Fall irtig beurthei⸗ len. Sinnlichkeit iſt bekanntlich der herrſchende Charakter des Menſchen in den fruͤheren Izbren der Lebens. Der Knabe kann noch nicht Intereſſe fuͤr die Dinge empfinden, welche die Aufmerkſamkeit des reiferen Juͤnglings, oder gar erſt des Man⸗ nes feſſeln. Wenn er daher bei den erhabenſten Stellen, bei den geiſtreichſten Bemerkungen, bei der Erzaͤhlung der aͤdelſten Thaten kalt und gleichgültig bleibt: ſo beweißt dieß noch nicht, daß ihm die Natur Beurtheilungskraft, Geſchmack, Sinn fuͤr das Große und Erhabene verſagt habe. Handlungen des Leichtfinns, der Unbeſtaͤndigkeit, der Unbeſonnenheit, welche er ausuͤbt, berechtigen eben ſo wenig zu dem Urtheil, daß dieſer Knabe nie zum ernſten, geſetzten, ver⸗ ſtändigen Manne reifen werde, als zu der Ahndung, welche die naͤhmlichen Fehler bei dem Erwachſenern verdienen wuͤrden. Man muß ſich deßwegen immer in das Jugendalter verſetzen, die Dinge aus dem Standpuncte beurtheilen, von welchem ſie in dieſen Jahren angeſehen werden und erſt dann entſcheiden, was ſich aus den jetzigen Aeuſſerungen der jugendlichen Anla⸗ gen fuͤr die Zukunft erwarten laſſe. Daraus, daß von ge⸗ wiſſen Kraͤften ſich noch keme oder nur ſchwache Spuren zei⸗ gen, folgt noch nicht, daß die Anlagen zu dieſen Kraͤften gar nicht oder nur in einem ſehr geringen Grade vorhanden ſind.

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