Aufsatz 
Einige Bemerkungen über die frühe Lektüre der Kinder / Ludwig Dieffenbach
Entstehung
Einzelbild herunterladen

10

von meinen Zoͤglingen entfernt halten, weil dadurch ſo leicht Gleichguͤltigkeit gegen das Laſter entſtehen kann, die nicht we⸗ niger verderblich iſt. Ein Menſch, der von fruͤher Ingend auf, die Verdorbenheit ſeines Geſchlechts aus tauſend Erzaͤh⸗ lungen kennen lernte, ſcheint mir kaum noch vor einem Laſter, das vor ſeinen Augen verüͤbt wird, ſchaudern zu können. Er wird moraliſcher Indifferentiſt, der, wenn er auch ſelbſt nicht ſchlecht handelt, doch nicht mit Feuer die Sittlichkeit ſeiner Bruͤder zu befoͤrdern ſucht. Ihm iſt es ja laͤngſt ſchon be⸗ kannt, daß es ſo viele Sclaven der Sinnlichkeit gibt, die durch nichts ſich beſſern laſſen; ihre Handlungen ſind, ſeiner Meinung nach, auch wohl lange nicht ſo arg, wie ſie duͤſtre Moraliſten ſchilderten, oder ihr Temperament laͤßt ſie nicht anders handeln, und wie dergleichen Entſchuldigungen alle heiſ⸗ ſen, die e zum Beſten anderer, und am Ende ſeiner ſelbſt

macht.

Am ſchlimmſten wirken wohl diejenigen Beyſpiele von Boͤſewichten, deren Thaten das Gepraͤge von Groͤſſe an ſich tragen. Mag man dann immerhin auf ihre Unſittlichkeit auf⸗ merkſam machen; das Kind das gar zu gerne ſtaunt und be⸗ wundert, intereſſirt ſich fuͤr den Menſchen, der ſolche Thaten verrichten konnte, und ſein Gefuͤhl fuͤr Recht und Pflicht lei⸗ det nothwendig einen empfindlichen Streich. Man darf jun⸗

gen