Aufsatz 
Einige Bemerkungen über eine Stelle aus Cicero's tusculanischen Untersuchungen, im I. Buche, 29. Cap / Friedrich Wilhelm Daniel Snell
Entstehung
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ſchen Geſezze einrichten ſollen. Dieſes reine Vernunſtgeſetz be⸗ ſiehlt uns, daß wir ſtets ſo handeln ſollen, wie wir wuͤnſchen, daß Jedermann in der Welt handeln moͤchte. Wir koͤnnen uns auch ein Ideal von einem hoͤchſt weiſen und heiligen We⸗ ſen machen, deſſen Wille vollkommen mit dieſen moraliſchen Geſezzen uͤbereinſtimmt. Unſere praktiſche Vernunft befiehlt uns, daß wir uns dieſem Ideal der Sietlichkeit immer mehr naͤhern, und uns dadurch auch der Gluͤkſeligkeit immer wuͤrdi⸗ ger machen ſollen. Es iſt auch gewis der Wunſch eines ieden gutgeſinnten Menſchen, daß er dieſe Forderung zu erfuͤllen im Stande ſeyn moͤchte. Da aber das erhabene Moral⸗ geſez nur allein von dem heiligſten und unendlichen Weſen zanz erfuͤllt werden kann; da es fuͤr endliche Geſchoͤpfe, wie wir Menſchen ſind, immer nur ein Ideal bleibt, dem wir uns durch einen unendlichen Wachsthum im Guten immer mehr naͤhern koͤnnen, ob wir es gleich nie völlig erreichen: ſamäſſen wir die unendliche Fortdauer unſerer Seele mit feſter Uiberzeu⸗ gung annehmen, um die Pflichten, welche in unſerer Ver⸗ nunft liegen, auch erfuͤllen zu koͤnnen. Denn ſonſt ware bier kein Zuſammenhang, und wir muͤſten das Gebort der reinen

Sittlichkeit fuͤr ein leeres Hirngeſpinſt halten,

Der Glaube an ein ewiges Leben iſt hier auf einen prakti⸗ ſchen Grund gebaut, der unerſchuͤtterlich ſteher. Wir erkennen die Heiligkeit und unerbittliche Strenge des reinen Geſezzes. Wir empfinden ieden Augenblik den groſſen Abſtand, welcher zwiſchen unſern unvollkommenen Tugenden und dem heiligen Geſezze iſt, und wünſchen taͤglich, daß wir im Guten immer vollkommener werden moͤchten. Gewis muß alſo unſer Geiſt unſterblich ſeyn! Denn ſo manche herrliche Fortſchritte zur Vollkommenheit, welche wir in dieſem Leben thun, werden

nicht umſonſt geſchehen. Nein, eine ganze Ewigkeit wird uns 2 zur