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den Geſchichtſchreibern Roms; und beym Tacitus*, der un⸗ ter ſeinen Vorgaͤngern ihn hauptſäͤchlich ſich zum Muſter ge⸗ waͤhlt zu haben ſcheint, der Herrlichſte von Latiums Hiſtori⸗ kern. Die Kritiker der folgenden bis auf die neueſten Zei⸗ ten lieſſen ſeinen Vorzügen die nemliche Gerechtigkeit widerfah⸗ ren; ich halte es aber fuͤr unnoͤthig, auch ihre Zeugniſſe an⸗ zufuͤhren, da man ſie uͤberall in Menge finden kann, und die Competenz der eben aufgeſtellten Richter wohl kein Vernunfti⸗ ger in Anſpruch nehmen duͤrfte.
Minder vortheilhaft und ruͤhmlich iſt das Gemaͤhlde, wel⸗ ches man uns ſaſt allgemein von dem moraliſchen Charakter dieſes groſen Geſchichtſchreibers vorzuhalten pflegt. Man ſchildert ihn als einen der verderbreſten Roͤmer ſeines in allen Ausſchweifungen zuͤgelloſen Zeitalters, als einen Sklaven der niedrigſten Sinnlichkeit, deſſen fruͤheren Jahre durch nichts, als Unzucht und Ehebruch— Vergehungen, die er mit fre⸗ cher Stirne vor dem verſammelten Senate eingeſtanden und ſich dadurch ſeine Verſtoſſung aus demſelben durch die Cenſo⸗ ren Appius Claudius Pulcer und Lucius Calpurnius Piſo zugezogen haben ſoll— und ſeine ſpaͤteren durch nichts, als heilloſe Gewaltthaͤtigkeiten und Erpreſſungen in der ihm vertrauten Provinz, und durch iede Art von Schwelgerey und Ueppigkeit, welche zu befriedigen, er nunmehr durch ſeine ſo ſchaͤndlich geraubten Schaͤtze ſich in den Stand geſetzt ſahe, bezeichnet waren. Die nachtheiligen Begriffe, welche durch dieſe haͤßlichen Beſchuldigungen von dem Herzen unſers Ge⸗ ſchichtſchreibers bey uns erweckt werden, empoͤren uns deſto mehr, weil ſie mit den Geſinnungen und Maximen, die er in ſeinen uns uͤbriggebliebenen Schriften bey ieder Gelegenheir einſtreut, ſo gewaltig contraſtiren. Denn welchem ſeiner 85
* Annal. 1. III. c. 30.


