Aufsatz 
Geschichte der religiösen Bewegung im Hochstifte Fulda während des 16. Jahrhunderts / von J. Gegenbaur
Entstehung
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geſchichte der religiöſen Bewegung im Hochſtifte fulda während des ſechszehnlen Jahrhunderts.

Die Fortſetzung der Forſchungen über die Entwicklung des gelehrten Schulweſens in Fulda, namentlich jetzt die Darſtellung der Jeſuitenſchule von 1573 1773(vergleiche Programm von 1856 die Kloſterſchule) führte zunächſt den Verfaſſer auf das Studium der ganzen Zeitverhältniſſe, mit welchen die Gründung dieſer Schule und deren Fortentwicklung auf das innigſte zuſammenhing. Es ſtellte ſich gar bald heraus, daß es zweck⸗ mäßiger ſei, das hiſtoriſche Material, was ſich nach und nach anſammelte, geſondert zu bearbeiten und erſt dann die Geſchichte der Schule ſelbſt folgen zu laſſen. Der Verfaſſer liefert darum zunächſt aus Quellen und Urkunden eine Schilderung der religiöſen Bewegungen im Hochſtifte Fulda während des ſechszehnten Jahrhunderts, einer Zeitperiode, deren Wellenſchlag ſelbſt die fernſten und mächtigſten Kreiſe des damaligen deutſchen Culturlebens nachhaltig berührte und im Vatikan zu Rom wie in der Hofburg zu Wien, an den Hoflagern der Fürſten wie in den Rathsverſammlungen der Bürger, in den Hörſälen der Univerſitäten wie in den Hallen der deutſchen Reichsverſammlung ſeinen Wiederhall ertoͤnen ließ.

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In der zweiten Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts regierte zu Fulda Abt Reinhard von Wilnau; als im Jahre 1467 das Stift Fulda von feindlichen Einfällen der Landgrafen zu Heſſen und der Freiherrn von Rietheſelüber die maßen beſchwert war, ernannte derſelbe Abt im Einverſtändniſſe mit dem Capitel den zweiten Sohn Wilhelms IV. von Henneberg, den Grafen und Fürſten Johann, zum Hauptmann des Stiftes, als welcher er die Stadt Geiſa wieder einnahm und die landgräfliche Beſatzung, welche er daſelbſt betreten, gefänglich gen Fulda einbrachte. Als nun aber Abt Reinhard immer älter und ſchwächer wurde, ſo nahm er den Hauptmann des Stifts zu ſeinem Coadjutor an und legte am 17. März 1472 ſein Amt ganz nieder, nachdem ihm vorher das Capitel zugeſagt hatte, nach ſeinem Tode keinen andern Abt zu erwählen als ſeinen getreuen Coadjutor. Einige der Capitularen meinten zwar, daß dieſes Verfahren ihre freie Wahl theilweiſe ſchwäche, nahmen aber dennoch wegen der unruhigen Zeit den Fürſten Johann einmüthig zum Abte an und gelobten ihm Treue und Gehorſam. Johann legte nun die Mönchskleidung an und ward, nachdem er die päpſtliche Beſtätigung erhalten hatte, ein ernſter und ſtrenger Mann, deſſen Streben darauf hinausging die eingeriſſenen Mißbräuche abzuſchaffen, indem er erklärte, lieber gar keine Mönche als irreguläre und irreligiöſe haben zu wollen*). Als er am 15. Auguſt 1472 die Capitularen ſammt den Pröbſten zu ſich gefordert hatte, um mit denſelben über die Abſchaffung der Mißbräuche zu berathen, trat der Probſt auf dem Petersberge, Johann von Romrode, in den Saal, worin der Abt allein war, ein, indem er unter ſeinem Kleideein Parten und einen Degen verborgen bei ſich hatte. Als der Abt dies gewahrte, ließ er den Probſt gefänglich bewahren, gab jedoch denſelben auf Bitten des Capitels

*) Schan, h. f 24.

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