Aufsatz 
Prof. Dr. Hugo von Ritgen : Ein Lebensbild / von Otto Buchner
Entstehung
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Zur Geſchichte der Anſtalt im Schuljahre 1889/90.

.In herkömmlicher Weiſe wurde der in die Ferien fallende Geburtstag Sr. Kgl. Hoheit des Groß⸗

herzogs bei dem Beginne des Winterhalbjahrs am 23. September durch geeigneten Hinweis in der Anſprache des Direktors gefeiert. Den Geburtstag Sr. Majeſtät des Kaiſers beging die Schule durch einen Feſtakt, bei welchem Kollege Dr. Scheuermann die Feſtrede hielt.

.Herr Oberſchulrat Soldan beſuchte die Anſtalt in Amtsgeſchäften am 8. und 9. Mai, ebenſo

am 27. Juli 1889. An dem letzterwähnten Tage hielt der Herr Biſchof von Mainz gelegentlich ſeiner Firmungsreiſe eine Religionsprüfung der katholiſchen Schüler ab.

3. Der Unterrichtsbetrieb erlitt auch in dieſem Schuljahre die empfindlichſten Störungen. Zahlreiche.

Erkrankungen und leider auch einige Todesfälle unter dem Lehrerkollegium, ſowie ſonſtige ſchmerz⸗ liche Ereigniſſe werden in der Geſchichte der Anſtalt dieſem Jahr nur ein leidvolles Gedenken ſichern. Als wir uns anſchickten, mit den öffentlichen Prüfungen das Schuljahr 1888/89 zu beſchließen, ſtarb nach kurzem Krankenlager am 3. April 1889 Dr. Cl. Theiſen, nachdem er 12 Jahre lang an der Anſealt in erſprießlichſter Weiſe thätig war. Kurz vor Schluß des Sommerhalbjahres verſchieden Kantor Steiner(am 9. Auguſt) und der proviſoriſche Real⸗ gymnaſiallehrer Dr. Karl Walther(am 10. Auguſt). Während Herr Steiner mit Auf⸗ bietung aller Kräfte noch am 6. Auguſt Unterricht in dem ihm ſeit 20 Jahren obliegenden Fache erteilte, war Herr Dr. Walther durch ſchwere Krankheit, die in ihrem Verlauf zeitweilig die Hoffnung auf nahe Geneſung erweckte, ſeit Pfingſten an's Bett gefeſſelt. Am 13. Januar ſtarb nach kurzem Krankenlager an den Folgen der Influenza Reallehrer Reinhard Dietz, der über 13 Jahre lang an der Anſtalt thätig war. Unſere Kränze auf den friſchen Grabhügeln ſollten die Zeichen des dauernden Andenkens ſein, welches die Anſtalt den pflichttreuen Lehrern bewahrt. Außer dieſen Trauerfällen hatten wir im verfloſſenen Jahre noch den Verluſt von drei hoffnungs⸗ vollen Schülern aus Gießen zu beklagen. Am 1. April 1889 ſtarb Karl Arnold an den Folgen des Scharlachfiebers, am 17. Dezember Auguſt Heck an den Maſern, beide Schüler der 3. Vorſchulklaſſe, und am 31. Januar der Quartaner Heinrich Ruſag an einem Herzleiden. Lehrer und Mitſchüler erwieſen den Frühverblichenen die letzte Ehre. Hiernach braucht kaum hervorgehoben zu werden, daß die Geſundheitsverhältniſſe weder bei Lehrern noch bei Schülern zufriedenſtellend waren. Scharlach und Diphtherie traten bei den Letzteren vereinzelt, Maſern beſonders in den Vorſchulklaſſen häufig, alle jedoch nicht bösartig auf. Wegen der Influenza, die ein Fünftel der Schüler gleichzeitig, überhaupt aber mehr als die Hälfte, im ganzen nicht heftig, erfaßt hatte, mußte der Unterricht vom 6. bis 13. Januar ausgeſetzt werden, weil eine größere Anzahl von Lehrern in teilweiſe nicht unbedenklicher Weiſe daran erkrankt war.