Aufsatz 
Über das Wesen der Tragödie / [Karl] Rossel
Entstehung
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beinahe eben ſo furchtbar iſt, als das Schickſal der Alten? Der tragiſche Held tritt dann gegen eine ganze Welt auf; denn auch das Einzelne, gegen welches er ankaͤmpft, ſteht ja in Zuſammenhang mit dem Ganzen, eine Form wird von der andern getragen; alles Gegenwaͤrtige greift in einander, denn die ganze Gegenwart ſelbſt iſe nur ein nothwendiges Reſultat der Vergangenheit. Die Menſchen der alten Tragoͤdie erſcheinen uns groß und bewunderungswuͤrdig in den Lagen, in welche ſie durch eine fremde Macht gefuͤhrt werden; die neueren in den Verhaͤltniſſen, in die ſie freiwillig ſelbſt treten oder die ſie ſich zugezogen haben. Schon Shakspeares Stuͤcke ſind ganz auf dieſen rein menſch⸗ lichen Boden geſtellt und enthuͤllen uns nicht das Goͤttliche als eine aͤußere Macht, ſondern nur das Goͤttliche in der Menſchenbruſt. Alles begibt ſich auf natuͤrlichem und menſchlichem Boden. In Goͤthe's Goͤtz, Egmont, Taſſo liegt ſchon enthuͤllter uͤberall das Tragiſche in dem Gegenſatz des Menſchen mit be⸗ ſtimmten Zuſtaͤnden der Geſellſchaft. Aber in Schiller tritt dieſe moderne Auf⸗ faſſung am entſchiedenſten hervor. Die Raͤuber, Fiesko, Kabale und Liebe und Don Karlos ſind ebenſo viele Beweiſe dafuͤr, und erſt mit dem Wallenſtein betrat er den Weg der Alten, von welchem er aber ſpaͤter wieder umlenkte. Von allen aber ſcheint Don Karlos, worin der Dichter den hocherhabenen Kampf fuͤr die wichtigſten Angelegenheiten unſeres Geſchlechts, fuͤr religioͤſe und buͤr⸗ gerliche Freiheit zu ſchildern unternahm, ſeinem bedeutſamen Inhalt nach auf der Spitze dieſes modernen Dramas zu ſtehen, wenn nur der Dichter nicht ſelbſt fuͤr jene Ideen Partei genommen und ſich ſelbſt in ſein Drama hinein⸗ gedichtet haͤtte, ſtatt frei und ruhig uͤber ſeinem Stoffe zu ſchweben und ihn rein aͤſthetiſch zu behandeln.

Wie Schiller uͤberhaupt in ſeinen Kunſtanſichten zu ſeinem Zeitalter ſtand, das hat Gervinus(National⸗Liter. VS. 502 f.) im Zuſammenhang mit jener gan⸗ zen Kulturpoche mit der Sorgfalt des Hiſtorikers Schritt fuͤr Schritt nachge⸗ wieſen. Wir erſehen daraus zur Genuͤge, daß Schiller in der Tragoͤdie den letzten Zweck aller Kunſt«Darſtellung des Ueberſ innlichen, der moraliſchen Frei⸗ heit des Menſchen⸗ erreicht ſah. Dem Manne, dem es weniger darahf ankam, daß unſere Kraͤfte im ebenen Gleiſe des Lebens Uebung finden, als daß wir zu dem hoͤchſten Bewußtſein unſerer moraliſchen Natur gelangen, das nur im Kampfe zu erreichen iſt, dem mußte das Trauerſpiel ausſchließlich zuſagen, deſſen eigentliche Aufgabe die Schilderung eben dieſes Kampfes iſt.«Das hoͤchſte Bewußtſeyn unſerer moraliſchen Natur, erklaͤrt er in ſeiner Ab⸗ handlung uͤber den Grund des Vergnuͤgens an tragiſchen Gegenſtaͤnden,«kann nur in einem gewaltſamen Zuſtande, im Kampfe, erhalten werden, und das hoͤchſte moraliſche Vergnuͤgen wird jederzeit von Schmerz begleitet ſein. Dieje⸗ nige Dichtungsart, welche uns die moraliſche Luſt in vorzüglichem Grade ge⸗ waͤhrt, muß ſich eben deswegen der gemiſchten Empfindungen bedienen, und