Aufsatz 
Festschrift zur Jubiläumsfeier des 50jährigen Bestehens des Großherzoglichen Taubstummen-Instituts zu Friedberg : 21. Mai 1887 ; und als Einladung zu derselben / hrsg. von Wodaege
Entstehung
Einzelbild herunterladen

erworbene, ſpychologiſche Kenntnis, Eigenſchaften, die nicht Jeder⸗ manns Sache ſein können.

Roller hatte ſich indeſſen mit Unterdrückung aller perſönlichen Empfindungen einem dem Zeitgeiſte entſprechenden höheren Zwecke untergeordnet, und ſo wurde

Friedberg zum Centralſitze des Taubſtummenbildungsweſens im Groß⸗ herzogtume erwählt.

Die Friedberger ſelbſt und namentlich die jungen Frauen dieſer Stadt wünſchten die Errichtung einer ſolchen Anſtalt inner⸗ halb ihrer Mauern nicht, da ſie wie Roller in einem Bericht an den Großh. Ober⸗Studienrat bemerkt einem Aberglauben zufolge den ſteten Anblick Taubſtummer als ſchädlich für ihre Nachkommen fürchteten. Wie ungerechtfertigt jedoch dieſe Beſorgnis war, möge die Thatſache beweiſen, daß in den ganzen 50 Jahren kein einziges in Friedberg geborenes Kind als von Geburt an taubſtumm in unſerem Aufnahme⸗ buche verzeichnet ſteht und daß uns darin aus Fried⸗ berg nur ein Mädchen mit Taubſtummheit, hervorge⸗ rufen durch ſtarke Krämpfe in der Kindheit, begegnet, während manches entfernte kleine Dorf im Großherzogtume darin wieder und wieder zu ſinden iſt.

§ 3. Stiftungsurkunde über die Errichtung einer Unterrichtsanſtalt für taub⸗ ſtumme Kinder und für künftige Taubſtummenlehrer

zu Friedberg betreſfend: Se. Königliche Hoheit der Großherzog haben in Berück⸗ ſichtigung des bedauernswürdigen Zuſtandes der Taubſtummen und um die Wohlthaten der Erziehung und einer zweckmäßigen geiſtigen und religiöſen Bildung dieſer unglücklichen Klaſſen von Staatsangehörigen in größerer Ausdehnung, als bisher, zu Theil werden zu laſſen, gnädigſt zu genehmigen geruht, daß von Staats⸗ wegen eine Anſtalt errichtet werde, die es ſich zur eigentümlichen Aufgabe macht, einen auf den Zuſtand jener Unglücklichen be⸗ rechneten methodiſchen Unterricht, theils unmittelbar bei den ihr anvertrauten taubſtummen Kindern, theils mittelbar durch Heran⸗