§ 1. Vorwort.
Taubſtumm! Ein ſchwerwiegendes Wort, welches nichts weniger beſagt als daß der mit dieſem Unglücke Behaftete geiſtig von ſeiner Familie, von ſeinem Volke, von der Menſchheit, ja von ſeinem Gotte ſelbſt geſchieden iſt. Taubſtumm! Ein ſchwerwiegendes Wort, deſſen tieftraurigen Inhalt nur der voll und ganz verſtehen kann, welcher eine Mutter ſah, die ihr un⸗ glückliches Kind unter Schmerzenstränen in eine Taubſtummen⸗ Anſtalt führte. Arme Mutter!— Nur weniger Monate jedoch bedarf es und die Wiederkehrende umarmt unter Freudentränen das geliebte Kind, welches ihr zum erſten Male mit deutlicher Stimme:„Mutter, Mutter!“ zuruft.
„Hic muti lequuntur“,„der Stumme redet hier“, dieſe frohe Botſchaft verkündigt unſere Anſtalt mit allen deutſchen Taubſtummen⸗Anſtalten der leidenden Menſchheit. Wohl ver⸗ mögen wir nicht wie Chriſtus mit einem Worte den Taubſtummen hörend und ſprechend zu machen; aber dennoch gelingt es mit Gottes Hilfe im Sinne chriſtlicher Liebe und Barmherzigkeit mit vieler Hingebung, großer Geduld und Ausdauer, dem Taub⸗ ſtummen die Zunge zu löſen, ſo daß auch er ſeinen Mund zur Lobpreiſung Gottes aufthun kann.
Unſere Anſtalt feiert nunmehr ihr fünfzigjähriges Beſtehen. Mit innigem Danke blicken wir in dieſer Zeit empor zu dem allbarmherzigen Gott, der das Werk ſichtbar geſegnet hat, und bitten ihn, daß ſein Segen auch ferner die Anſtalt begleiten möge! Nächſt Gott danken wir denen, die dem Gebot Chriſti gemäß handelten:„Seid barmherzig, wie auch euer Vater im Himmel barmherzig iſt.“
Im Namen der unglücklichen Taubſtummen ſprechen wir Dank aus dem Großherzog Ludwig II., unter deſſen erlauchter Regierung im Jahre 1837, am 21. Mai, das erſte
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