Aufsatz 
Zu den Sagen von Gog und Magog : wissenschaftliche Beilage zum Programm der Sophien-Realschule, Ostern 1882 / von Hugo Bieling
Entstehung
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Zu den Sagen von Gog und Magog.

Di Namen Gog und Magog erscheinen häufig in der Bibel und den apokryphischen Schriften, besonders des neuen Testaments, in der Profanlitteratur des Mittelalters, in der Lokalgeschichte von London. In England, das wir hier zunächst im Auge haben, denkt man, litterarisch und volks- tümlich, bei Nennung dieser Namen, von ihrer Stellung in der Bibel abgesehen, zuerst an die berühmten und immer noch mit dem Volksleben verknüpften Riesengestalten in der Guildhall von London. Trotzdem die City im Laufe der letzten beiden Jahrhunderte eine völlige Veränderung erfahren hat, trotzdem sie nicht mehr die Heimstätte der reichen Kaufherren ist(vgl. Macaulay, Hist. of E. I. 345 fl. Tauchn. ed.), die dort jetzt nur noch ihre Kontore und Niederlagen für den Welthandel haben, und in Bank und Börse das Herz einer ungeheuren Kapitalbewegung, so knüpft sich doch immer noch an den Boden und die Gebäude des alten Centrums der Riesenstadt ein Interesse, das mehr als plofse Neugierde genannt werden kann, mehr auch als bloſs geschäft- liches Interesse für die Vorgänge an der Stätte dieses grolsen Weltmarktes. Nicht nur die immer mehr an Zahl verlierenden Bewohner des inneren London, nicht nur der eigentliche Gockney, der von Kindheit an die Glocken von Bowchurch, die Bowbells, hat läuten hören, auch der Londoner im weiteren Sinne, und der Engländer überhaupt, kennen die alten Stätten, auf denen sich ein so bedeutendes Stück der Vergangenheit des englischen Volkes abgespielt hat, und hängen an ihnen. Auch der Lord Mayor und sein grotesker Aufzug am 9. November*¹), obwohl vielfach belächelt, die Guildhall und die seltsamen Gestalten der beiden Riesen Gog und Magog haben ihren gebührenden Anteil an diesem Interesse, einem Nachklange des alten Heimatsgefühles, das die Bewohner der alten Stadt für dieselbe in ganz anderem Mafse hegten, als sie noch in deren Häusern aufwuchsen und Freud' und Leid des Lebens sie eng mit derselben verbanden, wie jetzt verhältnismäſsig nur noch wenige. Immerhin kennt jeder Engländer Gog und Magog, und sie werden oft erwähnt, auch in Schriftstellern, die auf unseren Schulen gelesen werden. So heilst es bei Dieckens, in 4A Child's History of England(II. p. 151 Tauchn.), gelegentlich der Freudenbezeigungen beim Regierungsantritt der Königin Elisabeth:All kinds of shows and images were set up; Gog and Magog were hoisted to the top of Temple Bar. Diese Stelle findet ihre Erklärung durch das, was weiterhin von uns angeführt wird. Heut würde dies nicht mehr möglich sein; das alte Stadtthor Temple Bar, welches die Grenze zwischen

¹) Urspränglich am Tage nach Simonis und Judae, also am 29. Okt., bis zur Einführung des neuen Stiles im Jahre 1752.

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