Aufsatz 
Ueber die griechische, insbesondere die Prosa-Lectüre in Prima / vom Oberlehrer Dr. Collmann
Entstehung
Einzelbild herunterladen

30

6. Euthyphron aber hat hierfür keine Einsicht, sondern verflüchtigt diesen Zweck, indem er ihn ganz allgemein auf die Erreichung von vielem schönen gerichtet sein lässt, cp. 16, p. 13 E.

7. Dieses wird nâher bestimmt durch das Gottwohlgefällige im Gebet und Opfer, cp. 16, p. 14 B. Sokrates hierauf eingehend gibt die Begrifrsbestimmung von Gebet und Opfer, welche auf ein Bitten und Geben zurückgeführt werden, wonach sich die Frömmigkeit als eine Wissenschaft des Bittens und Gebens herausstellt, cp. 17, p. 14 C. u. D.

9. Das rechte Bitten und Geben kann aber nur dasjenige zum Gegenstand haben, dessen man bedauf, wonach sich die Frömmigkeit(immer gemeiner) als eine Handelszwissen- schaft zwischen Göttern und Menschen ergibt, cp. 18, p. 14 D. u. E.

10. Der Nutzen, welcher aus diesem Handelsverkehr für die Götter erwächst, kann nach Euthyphron kein anderer sein, als dass wir Ehre und Huldigung den Göttern er- weisen, und ihr WMohlgefallen damit erwerben, dass wir ihnen etwas angenehmes erzeigen, cp. 18, p. 15 A. u. B.

Somit verlauft das Gespräch scheinbar ohne Resultat, denn die schliessliche Ansicht des Euthyphron von der Frömmigkeit ist dieselbe, wie diejenige, welche unter A 2, a und b wider- legt ist. In Wirklichkeit aber bleibt es doch nicht ohne Resultat, wenn man auf die von Sokrates gegebenen Winke achtet, woraus sich seine Vorstellung von der Frömmigkeit gan⸗ wohl zusammen setzen lässt, wie oben S. 26 u. 28 A.* angedeutet worden ist. Allerdings ist das Gespräch weniger auf eine dogmatische Darstellung des Gegenstandes berechnet, als auf eine Skizze, welche weiter auszuführen dem Leser überlassen bleibt. Der Grund aber, warum es bei dieser Skizze geblieben, ist sicherlich in dem Umstande zu suchen, dass das Gespräch nicht bloss einen dogmatischen, sondern auch einen polemischen Zweck hatte. Platon wollte seinen verehrten Lehrer in Schutz nehmen gegen seine Feinde, wollte ihn gegen die Anklage der Gottlosigkeit vertheidigen, und wie hätte er das besser thun können, als durch die Darlegung seiner wahren Ansicht von der Gottheit und ihrer Verehrung, gegenüber dem anstössigen Volksglauben und dessen bedeutendstem Repräsentanten, dem Euthyphron. Was Xenophon später in den Memorabilien mehr in empirischer Weise that, das führte Platon mit wissenschaftlicher Methode aus. Hier erscheint Sokrates im Besitz des richtigen Begriffs der Frömmigkeit, was für Sokrates mit dem Thun zusammenfällt. Diesen richtigen Begriff möchte er auch dem Euthyphron gegenüber zur Geltung bringen, derselbe vermag sich aber nicht zu dieser Höhe emporzuarbeiten, sondern sinkt sofort nach einem vergeblichen Versuch des Sokrates ihn zu sich emporzuheben, zu der gemeinen Zweckmässigkeitstheorie wieder herab, womit die Andeutung gegeben ist, dass der blinde Anhänger dieser Volksreligion für wahre Erkenntnis nicht fähig ist und dass Sokrates mit seiner tiefern Auffassung der Gottesverehrung der grossen Masse, welche über ihn zu Gerichte sitzen sollte, gegenüber unverständlich bleiben musste. Aber auch selbst darüber mag man sich trösten, dass dieser wahre Gottesmann zum Tode verurtheilt wurde, während den falschen Theologen nur der Spott traf, wenn man bedenkt, dass für die Menschheit nichts verloren bleibt; denn aus dem ungerechten Tode dieses Mannes hat sich wie aus einem Keime ein Product der Geistesbildung entwickelt und ausgebreitet, wozu Platon die beste Nahrung geliefert hat, an der auch wir noch zehren und viele Menschen- geschlechter nach uns zehren werden,

»deren dauernder Werth wachsenden Strömen gleich jedes lange Jahrhundert füllt«.