27
pflanzen, auf welchem nach ihm alle Tugend erwächst, nemlich auf den Boden des Wissens*). Und Euthyphron ist ganz erfreut, den Sokrates so in seine Ideen eingehen zu sehen. O ich bin auch ein Verehrer deiner Weisheit, versetzt Sokrates, und achte auf dieselbe, daher kein Wort von dem, was du sagst, auf den Boden fallen wird. Doch weiter. Worin also besteht dieser Dienst gegen die Götter? Darin, dass man sie um etwas bittet und dass man ihnen etwas gibt?— Ja.— Das rechte Bitten besteht doch nun wohl darin, dass man um etwas bittet, das man braucht? Gewis(alla zν,). Und das rechte Geben darin, dass man ihnen dasjenige als Gegengabe darbietet, dessen sie von uns bedürfen? Denn das wäre doch wohl kein Kunstverständiges Darbringen von Gaben, wenn man Einem etwas gibt, dessen er nicht bedarf? Beides bejaht Euthyphron. Somit wäre die Frömmigkeit eine Handelszwissenschmaft, geübt zwischen den Menschen und Göttern. Euthyphron ist das auch zufrieden, wenn es dem Sokrates beliebe, sie so zu nennen. Es beliebt mir durchaus nicht, wenn es nicht wahr ist**), versetzt Sokrates. Sage mir aber, was für einen Nutzen die Götter haben von den Gaben, die sie von uns erhalten. Denn was sie uns geben, darüber herrscht kein Zweifel, da wir alle Güter von ihnen haben, aber was gewährt ihnen dasjenige, was sie von uns empfangen, für einen Nutzen? Euthyphron stockt. Oder sollten wir so sehr im Vortheil gegen sie sein bei diesem Handel, dass wir alles gute von ihnen empfangen, während sie von uns nichts empfangen? Ei, meinst du wirklich, dass die Götter Nutzen hätten von dem, was sie von uns erhalten? fragt Euthyphron verlegen. Ei, was hätten denn in aller Welt diese von uns den Göttern gespendeten Gaben zu bedeuten?*er). Euthyphron antwortet: Nichts anderes, als dass wir Ehre und Huldigung den Göttern erweisen, und ihr Wohlgefallen damit erwerben, dass wir ihnen etias angenehmes erzeigen. Also ist das Fromme, folgert Sokrates, etwas angenehmes, aber nicht nützliches oder liebes?— Doch gar sehr etwas liebes.— Da hätten wir also wieder Opfer bringt und einer Beseligung theilhaftig wird, welche seinem Leben eine höhere Weihe gibt, gewisser- massen sein ganzes Leben zum Gottesdienst weiht und den Cultus, die äussere Form, mit Geist erfüllt. Vgl. Susemihl a. O. p. 116.
*) Denn das war die Grundansicht des Sokrates von der Tugend, dass sie ein Wissen sei. Tugend, sagt er, ist Wissen, das böse Thun ist Unwissenheit. Denk- und Begehrungsvermögen fiel also bei ihm zu- sammen, denn, sagt er, wer richtig denkt, der handelt auch richtig, weil er einsieht, dass das Gute allein glücklich macht und der Seele Nutzen bringt, während das Böse, so gut und angenehm es scheint, als Elend und Verderben bringend erkannt wird. Leider gehört hierzu die Lebendigkeit der Ueberzeugung eines Sokrates, um den Lockungen des Bösen zu widerstehen, ohne dass der Wille gestählt ist, und es will scheinen, als ob dieser volle Berechtigung habe, als besondere Seelenkraft anerkannt zu werden.
**) Als ein Handel, ein Tauschhandel kann es allerdings betrachtet werden, wenn das Gebet und Opfer nichts ist als eine Bitte und Gabe, verbunden etwa mit einem Gelübde, zum Zweck um äusseres Gut zu er-— langen, oder von einem aàussern Uebel befreit zu werden, wobei der bedürftige Mensch natürlich sehr im Vortheil ist gegen die nicht bedürftige Gottheit, welche Art von Gebet Persius geiselt, wenn er(sat. 2) sagt: da fortunare penates, da pecus et gregibus foetum; wäaͤhrend Juvenal(10, 356) so beten lehrt: optandum est, ut sit sana mens in corpore sano. Nein, die rechte Art zu beten lehrt uns der HERR mit den Worten: Dein Reich komme, dein Wille geschehe u. s. w.
er) Diese Frage war eigentlich schon widerlegt, indem die Sorge um die Götter nicht so aufzufassen war, als hätten sie einen Nutzen davon, wird aber noch einmal hier angeregt, um die Vorstellung nach- drücklich zu bekämpfen, als dürfte die Frommigkeit ein Mittel sein, um von der Gottheit äussere Vortheile zu erlangen u. s. w. Vgl. Susemihl a. O. p. 117.
4*


