Aufsatz 
Ueber die griechische, insbesondere die Prosa-Lectüre in Prima / vom Oberlehrer Dr. Collmann
Entstehung
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Ich habe es ja schon vorhin gesagt, erwidert Euthyphron in seinem Unmuth; es gehört mehr dazu, um das alles gehörig zu begreifen, wie es sich damit verhält. Nur soviel will ich einfach bemerken, 3

wenn jemand etwas den Göttern angenehmes zu sagen und zu thun weiss durch Gebet und Opfer,

das ist das Fromme, und solches, setzt er mit sophistischer Weitschweifigkeit hinzu, rettet die Privathäuser und das Gemeinwesen der Städte, während das Gegentheil von dem Angenehmen das Irreligiöse ist, was denn auch alles umstürzt und zu Grunde richtet*).

Das wäre also das viele schöne, welches die Götter vermittelst der Menschen eræielen, dass sie zu ihnen beten und ihnen opfern, womit sie ihnen etwas angenehmes sagen und thun. Man sieht, Euthyphron hat sich von Sokrates nicht leiten lassen, wohin er ihn haben wollte, sondern er erklärt den Dienst, welchen die Menschen den Göttern leisten, nicht aber, wie Sokrates wollte, den Zweckh, wozu die Götter der Menschen Dienst begehren.

Mit dem Begriff angenehm ist Euthyphron, ohne es zu merken, wieder zu seiner früheren Definition zurückgekehrt und bewegt sich somit in einem Zirhel. Zwar kommen hier zwel wesentliche Merkmale hinzu, welche aber ihren Werth verlieren durch den Begriff des An- genehmen, welchen er festhält.

Sokrates geht indessen dennoch auf diese Erklärung ein, obgleich er meint, er habe sich kürzer fassen können; aber er wolle ihn eben nicht belehren, sonst wäre er nicht, da er so nahe daran war, wieder davon abgegangen. Und hieran erkennen wir die eigentliche Meinung des Sokrates, und was er unter Frömmigkeit verstand, nemlich

Gerechtigkeit im Dienste der Gottheit, welche diesen dazu benutzt, den Menschen zu bessern und 2u heben, durch ihn die Sittlichkeit zu gründen und au erhalten.

Gerechtigkeit ist ihm der wesentliche Inhalt, ohne welchen von Frömmigkeit nicht die Rede sein kann, Gerechtigkeit in Demuth, als Gottesdienst geübt, ist auch das schönste, was der Mensch leisten kann**); denn wo der rechte Glaube, da ist auch die rechte Tugend.

Indessen geht Sokrates dennoch auf diesen neuen Erklärungsversuch des Euthyphron ein und bestimmt das Opfern als ein Gaben Darbringen, und das Beten als ein Bitten, somit wäre die Frömmigkeit die Wissenschaft des Bittens und Gebens den Göttern gegenüber. Hier- durch sucht Sokrates die einzelne Handlung, welche gleichgültig ist, auf den Begriff, welcher die Hauptsache ist, zurückzuführen***), zugleich auch diese Tugend auf den Boden zu ver-

*) Eine kleine Probe von dem dx-νuνοοε und der aeαορεrεαα der Sophisten, womit sieder Mensch- heit Schnitzel kräuselten« im Gegensatz zum begriffsmässigen dα⁴ενέ α des Sokrates, wozu Cicero (Brut. 90, 309) die Erklärung gibt mit den Worten: dialectica, quae quasi contracta et astricta eloquentia putanda est eloquentiam, quam dialecticam dilatatam esse putant.

*r) Im Laches(p. 209 D.) werden 5 Cardinaltugenden namhaft gemacht und zwar die Frömmigkeit neben der Gerechtigkeit. Es fragt sich, ob diess der obigen Darstellung entspricht.

rn) Zu Gott beten soll der Mensch, dass er ihn würdig halten möge, mitzuarbeiten, dass der Wille Gottes gescheho, und das ist die Gabe, welche er ihm anbieten soll, womit er ihm den eigenen Willen zum