Aufsatz 
Über die angebliche Farbenblindheit Homers / von Karl Euler
Entstehung
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Wir finden zwar wenig abstrakte Farbenbezeichnungen, doch erklärt sich dies aus den Ge- setzen der poetischen Sprache, die durch Phantasie anregende, sinnlich wirkende Farben- bezeichnungen ungleich dichterischer wirkt als durch einfache Farbenbenennungen. Dass es ausser den paar uns überlieferten derartigen Bezeichnungen in homerischer Zeit keine mehr gegeben hätte, lässt sich aus dem Fehlen bei Homer nicht mit Sicherheit Schliessen.¹) Aber auch diese einseitigen, weil nur aus poetischen Quellen geschöpften Resultate beweisen, dass die Gladstone Geiger-Magnus'sche Ansicht einer ganzen oder nur teilweisen Farbenblindheit Homers falsch ist, und dass die homerischen Farbenbezeichnungen nicht zum Beweis einer Entwicklung des Farbenempfindens herangezogen werden können.

Warum Homer so selten zur Charakterisirung Farbenbezeichnungen verwandt hat, würde in einer Untersuchung über die homerische und überhaupt die dichterische Darstellungs- weise zu beantworten sein. ²)

Ich möchte hier nur darauf hinweisen, dass eine farbenprächtige Sprache sich eher

für den Lyriker ziemt, als für den Epiker.

Wechelnd färbt, wie der Strahl des Gefühls, sich des Lyrikers Ausdruck:

Aber des Epikers Stil fliesse wie reiner Krystall.

1) Ich möchte daran erinnern, dass im Nibelungenlied blau nicht ein einziges mal vor- kommt, obwohl der letzte Überarbeiter dieses Epos, ein Zeitgenosse Walthers von der Vogelweide, gewiss diese Farbe gekannt hat, ebenso gut wie dieser.

2) S. Marty, S. 76 ff. und 130 ff. Hochegger, 53 ff. bes. 63 fl. Schuster Ztschrft für d. G. W. 1861, 725 ff.

Carl Euler.