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An die Stelle von gemeinsamen, wenn auch nicht öffentlichen Prüfungen, wie sie bisher bestanden, traten unserm Wunsche gemäss sogenannte Klassenprüfungen, welche vom Director im Beisein des Ordinarius vorgenommen wurden: eine Einrichtung, wodurch in Verbindung mit veränderter Abfassung der Zeugnisse fast eine ganze Woche für den Unterricht gewonnen wird. Dieselben begannen am 19. September.
Am 25. September wurde das Sommerhalbjahr geschlossen. Die Herbstferien dauerten von da bis zum 11. October.
Während der Ferien verliess uns Dr. Hassenkamp, um eine Stelle am Gymnasium zu Beuthen in Schlesien zu übernehmen.
Vom 14. bis 19. November wurde das Tentamen der Prima abgehalten.
Die Weinachtsferien dauerten vom 21. December bis zum 5 Januar. Im Laufe derselben schied Dr. Pflüger aus dem Lehrercollegium, um eine Stelle an einer Töchterschule zu Bern in der Schweiz zu übernehmen. Seine Lectionen wurden in Ermangelung einer neuen Lehrkraft von mehreren Collegen übernommen.
Und nun gedachten wir die Zeit, welche uns von diesem unruhvollen und doch so herrlichen Jahre noch gegönnt war, recht auszubeuten, um manches vielleicht versäumte nachzuholen. Siehe da erkrankte plötzlich der Director Münscher an den Menschenblattern, wodurch die Schliessung der Anstalt Dienstag den 21. Februar nothwendig wurde. Da war guter Rath theuer. Indessen gelang es, ein Local ausfindig zu machen, in welchem die Lectionen nach einer viertägigen Unterbrechung, wenn auch nur theilweise, doch in fast allen Hauptfächern genügend fortgesetzt werden konnten. Zwar war es nicht leicht, in drei Zimmern acht Klassen zu beschäftigen, allein was lässt sich nicht bei dem guten Willen pflichtgetreuer Mitarbeiter möglich machen, zumal wenn die Tage langer statt kürzer werden, so dass Schlag 7 Uhr schon begonnen werden konnte und erst um 5 Uhr Abends geschlossen zu werden brauchte. Auch verdient die Bereitwilligkeit der geehrten Eltern alle Anerkennung, indem sie uns ihre Kinder Morgens um 7 Uhr nicht bloss, sondern auch Mittags um 1 Uhr schon zur Schule geschickt haben. Jegliche Unterbrechung musste natürlich unter diesen Umständen unterbleiben, welches nicht verhinderte, dass wir an dem zur PFeier des PFriedensfestes am 4. März Statt findenden Fackel- zug uns alle von Herzen betheiligten. Sehr erwünscht war es übrigens bei dieser Lage der Dinge, welche bis zum Schlusse des Semesters fortdauerte, dass wir keine weitern Abiturienten hatten.
Der höchst erfreuliche Geburtstag Sr. Majestät des Kaisers und Königs wurde am 22. März von 10— 12 Uhr im Rathhaussaale, welcher uns von Herrn Oberbürgermeister Rudolph bereit- willigst zur Verfügung gestellt worden war, durch Gesang, Declamation und Festrede, welche der Unterzeichnete hielt, unter Betheiligung eines zahlreichen Publicums gefeiert. Wir statten demselben hierdurch für die freundliche Theilnahme und gütige Nachsicht unsern aufrichtigen Dank ab, so wie auch Rector und Senat der Universität, welche aus Rücksicht auf unsern Actus die Universitätsfeier um eine Stunde gütigst hinausgeschoben, endlich allen denen, welche zur Ausschmückung des Saales ihren freundlichen Beistand gelichen haben.
Der Gesundheitszustand unserer Schüler war in diesem Jahre ein befriedigender. Eine dahin zielende Verfügung der Oberbehörde vom 3. December wird uns zur Nachachtung dienen.


