Aufsatz 
Grundzüge der Gesteins- und Formationslehre : für die Schüler der Secunda als Grundlage des Unterrichts bearbeitet / von Carl Weidenmüller
Entstehung
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gegenseitig ausschliessen er soll nur ein Hilfsmittel sein, um die durch Anschauung und aus dem freien Vortrag des Lehrers bereits gewonnenen Eindrücke zu reproducieren; ist er mehr als dies, erweckt er die Meinung, aus ihm könne Naturkunde gelernt werden wie ein lateinisches Paradigma, so entspricht er seinem Zwecke nicht und kann in der Hand eines ungeschickten oder allzu bequemen Lehrers zu einem Marterwerkzeug für die Schüler werden.

Was soll nun aber der naturgeschichtliche Leitfaden enthalten? Die Antwort auf diese Frage kann nur ganz allgemein lauten: nur notwendiges und wesentliches in möglichst kurzer und präciser Form; oft sind blosse Stichworte hinreichend. Was fär notwendig und wesentlich anzusehen ist, kann freilich in einzelnen Fällen zweifelhaft sein und verschieden beurtheilt werden; namentlich in der Auswahl der Familien, Gattungen und Arten werden äussere Umstände, z. B. die Umgebung des Schulorts und die Beschaffen- heit der Naturaliensammlung, ein gewichtiges Wort mitzureden haben; auch da gilt das Wort: eines schickt sich nicht für alle. Daraus folgt aber keineswegs, dass nun wo möglich jede Lehranstalt ihren eigens zugeschnittenen naturgeschichtlichen Leitfaden haben müsse: ein paar Zeilen sind leicht gestrichen oder handschriftlich zugesetzt.

Ein Leitfaden der Geologie ist in der besonders schwierigen Lage sich zwischen Spitzen und Haken durchwinden zu müssen: sind doch in der Geologie die Veranlassungen zu Excursen so zahlreich und verführerisch. Ich habe alle in die Physik übergreifenden Teile dieser Disciplin ganz weggelassen sie finden besseren Platz im physikalischen Unterricht und nur die so zu sagen handgreiflichen Abschnitte(Petrographie, For- mationslehre, Paläontologie) aufgenommen. Vorausgesetzt ist, dass die Schüler bereits Unterricht in der Mineralogie gehabt haben und in der zoologischen Systematik, nament- lich auch der niederen Thiere, hinlänglich bewandert sind. Die Verbreitung der Forma- tionen in Deutschland(das Alpengebiet ist aus guten Gründen weggelassen) kann natürlich nur mit Benutzung einer geologischen Karte gelehrt und gelernt werden; als Wandkarte dürfte wohl nur die v. Dechen'sche in Betracht kommen; die Schüler können sich allenfalls die geologische Uebersichtskarte von Deutschland von R. Ludwig anschaffen, welche freilich von der v. Dechen'schen im Detail mehrfach abweicht.

Vielleicht erscheint manchem Sachverständigen die Beschränkung des Inhalts und die Knappheit der Form im folgenden allzu weit getrieben, weiter als die oben aufge- stellten Grundsätze verlangen. Diesem Vorwurf gegenüber darf ich wohl auf die Entstehungs- weise der»Grundzüge« sowie auf den Umstand hinweisen, dass ich gemäss des hiesigen Lehrplanes das ganze geognostische Pensum in höchstens 24 Lehrstunden erledigen muss. Sollten jüngere Collegen, die sich in gleich beschränkter Lage befinden, den zunächst für meine Schüler berechneten Leitfaden auch als methodischen Wegweiser brauchbar finden, so würde es mich freuen.

Marburg, Januar 1882. Dr. Weidenmüller.