67
rings umgebende mittelalterliche Festungsmauer, die am westlichen Eingang, wo ehemals ein Thor war, durch einen stattlichen Turm flankiert wird.“) Der Raum zwischen der westlichen Front der Be- festigungsmauer und dem neu angebauten Teile ist nördlich von der Windecker Strasse von dem christ- lichen Friedhofe eingenommen, der durch einen der Mauer parallel und gegen die Strasse senkrecht ge- richteten Weg von jenen Häusern und weiter hinaus von dem jüdischen Friedhof und Obstgärten ge- trennt ist, die sich nach W. bis dicht an die oben erwähnten Reste römischer Gebäude erstrecken. Wir hatten also das denkbar ungünstigste Terrain für unsere weiteren Nachforschungen vor uns. Schon durch- suchten wir die Höfe und Keller des Dorfes nach Anhaltspunkten, die oft gefunden schienen, um ebenso oft sich als trügerisch zu erweisen. Ein fussbreites Stück echter, untrüglicher Kastell- mauer war der Gegenstand unserer Sehnsucht, aber schon nahte die erste Ausgrabungswoche ihrem Ende, schon hatte das anfängliche herrliche Herbstwetter einem beharrlichen Landregen Platz gemacht, der uns dann bis zum Ende unserer Arbeit treu geblieben ist, und noch zeigte sich keine Aussicht auf Erfüllung unseres Wunsches.
Da fanden wir die erste Spur an einer Stelle, an der wir sie kaum zu finden erwartet hatten. In dem Winkel zwischen der nordwestlichen Ecke der Ortsbefestigung und der nördlichen Umfriedi- gungsmauer des Kirchhofs, ²) wo das Terrain sich bereits sehr merklich zur Krebsbach absenkt, und der hier nur halb ausgefüllte Festungsgraben von Geröll und Holunderbüschen verdeckt wird, hatte einer der Arbeiter ein Kartoffelfeld von der Gemeinde gepachtet, dessen Ergiebigkeit, wie er sagte, durch unterirdisches Mauerwerk beeinträchtigt werde.
Eine Nachgrabung förderte denn auch Steine und Mörtel in reichlicher Menge zu Tage. Bald war ein Stück Gussmauer blosgelegt und die genau westöstliche Richtung festgestellt. Die Struktur der Mauer und insbesondere die Beschaffenheit des grobkörnigen Mörtels war ganz die bei den Fundamenten der Umfassungsmauern von Limeskastellen übliche. Aber die geringe Stärke von 1,20— 1,30 m war, wenn auch nicht ohne Analogie, doch auffallend gegenüber den Nachbar- kastellen zu Rückingen und Grosskrotzenburg, bei denen wir überall die Mauern im Fundament 1,80 m stark gefunden hatten.
Nahe östlich der ersten Auffindungsstelle brach die Mauer ab; der Grund war klar: es begann hier die äussere Böschung des Ortsbefestigungsgrabens. Bei der Anlage desselben hatte man die Fundamente, soweit sie störten, beseitigt. Die Mauer war also vor der Anlage jener Befestigungs- werke vorhanden gewesen, und es war anzunehmen; dass sie jenseits der Ortsmauer im Innern des Dorfes, wo ein Seitengässchen genau ihrer Richtung folgt, sich wieder finden werde. Dort wurde denn auch ihr Vorhandensein im Keller eines an dem Gässchen gelegenen Hauses festgestellt. Vor allem galt es nun die gewonnene Mauerflucht nach Westen, wo Gemüsebeete bis zur Ecke des Friedhofs und dem oben genannten Wege wenigstens an einzelnen Stellen zu graben gestatteten, zu verfolgen.
Als sie immer in derselben Stärke und Richtung bis zu jenem Wege,³) in einer Länge von 50 m nachgewiesen war, da war es schon fast keinem Zweifel mehr unterworfen, dass wir die nördliche Umfassungsmauer des Kastells vor uns hatten. Denn dass es nur diese sein konnte, das zeigte schon ein Blick auf die Beschaffenheit des umliegenden Terrains, welches sich, wie erwähnt, nach Norden zur Krebsbach ziemlich steil abdacht. Hier machten sich auch vor der Mauer Un-
¹) Vgl. Taf. IV, VII. ²) Vgl. Taf. IV, I. ³) Vgl. Taf. IV, II. 9*


