47
führte.¹) Ich kann sogleich hier bemerken, dass diese letztere Annahme wie auch die anderen Voraussetzungen sich bei den Ausgrabungen in erfreulichster Weise bestätigt haben. Ein Versuchs- graben, den wir von der Strasse nach S. zogen, hat 50 cm unter dem Boden die Römerstrasse als eine 20 cm dicke Kiesschotterung erkennen lassen und ausserdem Reste von Häusern zu Tage ge- fördert, die hier vor der Porta decumana zu beiden Seiten des Weges als Teile der bürgerlichen Niederlassung lagen.*) Dass die heutige Strasse gerade vor der Front des Kastells— so dürfen wir die Böschung jetzt schon nennen— von ihrer geraden Richtung abbiegt, erklärt sich daraus, dass offenbar während des ganzen Mittelalters bis weit in die Neuzeit das Areal des Kastells als Trümmerstätte da lag, welche der zů dem Dorfe Rückingen führende Weg ebenso wie der PFuss- pfad umgingen, während bis dahin die alte Römerstrasse benutzt wurde. Daher das doppelte Knie der modernen Kunststrasse, die wiederum der Richtung des alten Weges folgte, daher auch der Umstand, dass der Fusspfad am südlichen Ende der Böschungslinie ebenfalls ein freilich sehr stumpfes Knie bildet.
Waren die angegebenen Hypothesen richtig— und ich kann sagen, dass sie sich sämtlich bis ins kleinste Detail bestätigt haben— so bot sich unsere nächste Aufgabe von selbst dar. Wir mussten, wo uns die Beschaffenheit des Feldes zu graben gestattete, durch Versuchs- gräben die senkrecht gegen die angenommenen Fluchten der Umfassungsmauer des Kastells ge- richtet waren, die Fundamente desselben an einer Reihe von Punkten festlegen und zugleich durch Verlängerung dieser Gräben nach innen und aussen vorläufige Anhaltspunkte für die Bestimmung der inneren Ausstattung und der das Kastell umgebenden Gräben zu gewinnen suchen.
Beides gelang: wir fanden überall, wo wir sie gesucht, die Umfassungsmauer, wenn auch leider grösstenteils in einem so zerstörten Zustand, dass wir ihre Richtung, Stärke und Form nur noch aus dem Profil des mit den unbrauchbaren Bestandteilen der ausgebrochenen Mauer wie- der ausgefüllten Fundamentgrabens erkennen konnten. Es waren nämlich diese Fundamente nach bereits früher erfolgter Abtragung der Obermauer von den Besitzern oder Pächtern der Acker noch in diesem Jahrhundert als Steinbrüche benutzt worden, aus welchen sie das Material für ihre Neubauten im Dorfe holten. Doch fanden sich auch Stellen, wo die Mauer bis auf 20 cm Tiefe unter der Oberfläche vollkommen erhalten war, und ihre Stärke und Beschaffenheit genau ermittelt werden konnte. So war es denn möglich, nach kurzer Zeit das Kastell in seinen Umrissen auf- zunehmen und in die Flurkarte einzutragen, wodurch eine Grundlage für die systematische Inan- griffnahme der weiteren Ausgrabungen gewonnen wurde, die freilich durch die intensive Bestellung des Feldes sehr erschwert wurden.
Ich gebe von nun an die genetische Darstellung unserer Ausgrabungen auf und wende mich zu deren Resultaten.
Unser Kastell hatte die Gestalt eines länglichen Rechtecks mit abgerundeten Ecken, dessen Längenaxe von WSW nach ONO, nicht ganz genau senkrecht gegen den Limes gerichtet war. Seine Länge betrug 180, seine Breite 140 m, so dass es seiner Grösse nach zwischen der Saal- burg und dem Grosskrotzenburger Kastell in der Mitte steht, indem das letztere bei fast genau gleicher Länge nur 17 m geringere Breite hat, während die Saalburg bei gleicher Breite 40 m länger ist.
¹) Uber die Existenz solcher Verbindungsstrassen vgl. man meine Mitteilung in den Mitteilungen an die Mit- glieder des Vereins für hess. Gesch. und Landeskunde, 1880, III und IV, p. XXXIII. Anhang zur Zeitschrift des V. f. h. G. u. L. N. F. IX, 3 und 4, 1882.
²) Taf. III, XII.


