Aufsatz 
Beiträge zur Geschichte des Großh. Gymnasiums zu Gießen für die Dreijahrhundertfeier am 10. Oktober 1905 auf Grund von Mag. Franz Rambachs Sammlungen / bearb. und hrsg. von Ludwig Schädel
Entstehung
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1655 d. 20. Octobr. klagte iemand von hierauß bei Hof über die ſchlechte Beſchaffenheit des hieſigen Pädagogs und betreffen die desideria theils die gebührliche information, theils einen praeceptlorem) Classicum(den M. Orth)¹). Dies ver⸗ anlaßte d. 29. Oct. dieſes Jahrs ein fürſtl. Reſcript an die Univerſität des Inhalts, daß ſie dieſe Gebrechen zu remediren etliche aus allen Facultäten deputiren und denenſelben comittir. ſolten, daß ſie ohne einige neben Abſicht, gerade durch und auf den Grund gehen, ihr Abſehen einig und allein auf die Erhaltung und Aufnahme des fürſtl. Paedagogii, der ſtudierend. Jugend Wohlfahrt und Beſtens, ſo dann auf dieſen fürſtl. Befehl führen, alles fleißig erkundigen und erklären(?) und nebſt guten Vorſchlägen zur Verbeſſerung ſchleunigſt berichten ſolten. Darauf ertheilten d. 3t Dec. alle Facultäten ihren Bericht und fanden zwar den Zuſtand des Pädagogs ſo ſchlim nicht als er war beſchrieen worden, doch immer manches zu verbeſſern und H. Orth zu ſuspendiren. Den Bericht haben unterſchrieben D. Feuerhorn, D. Schütz, Misler, Tülsner, Mart. Müller, Joh. Conr. Dietrich, Georg Balthaſar Metzger und D. Christiani. Allein dabei blieb es noch nicht. Der Rector zu Darmſtatt mußte auch auf fürſtl. Befehl einen Vorſchlag von erbaulicher Beſtellung eines Paedagogi, wie dieſelbe bei dem Darmſtätter üblich, einſchicken der dann 1) an dem Gieſer Bericht manches aus⸗ zuſetzen und zu verbeſſern hatte ſonderlich weg. der hier beliebt. Rudrauffſchen Logie, dagegen er mit 9 argument. bewieß daß Ebels Logie einzuführen ſey. 2) ſonſt noch allerlei pia desideria eröffnete(ſ. Anl.).

Hierauf votirte wieder die gantze philoſophiſche Facultät über die Verbeſſerung des Paedagogs, waren ſich aber in ihren votis ſo conträr, daß ſchwer abzuſehen, wie ein einmüthiger Bericht, welcher auch fehlet, daraus gemacht werden könne. Alles geſchah unter Mißlers Pädagogiarchat²), der aber zuletzt nicht mehr votiren wolte, weil er nun nechſtens ſeine, als Pädagogiarch, geſuchte Dimiſſion zu erhalten hoffte.

1659) erſtattete die Univerſität den Bericht an den Landgrafen,daß der anfänglich nicht wohl verwahrte Bau des hieſigen Paedagogii an Schwellen, Donen und ſonſt bisher mercklichen ſchaden gewonnen, alſo, daß wo dieſem Mangel nicht zeitlich vorgekommen werden ſolte, das gantze umgebäu ſich weiter rücken und ſolchen Mangel gewinnen dürfte, dergleichen mit geringen Koſten alsdann ſchwerlich zu erſetzen ſeyn wird; Und demnach ohnedas die Schornſtein bei dem in gedachtem Paedagogio hiebevor angeſtellt geweſenen Müntzweſen¹) verändert worden, und bis noch zu den classibus und den andern loſamentern aus Mangel der Mittel nicht aptirt ſind, daher denn erfolget, daß 1) die Praeceptores ohne Verdrießlichkeit und Beſchwerung des Rauchs halben nicht dociren können, vors 2) auch(welches denn um Fenſter, Dühren und anderes in esse zu erhalten, auch der Knaben insolentien zu ſteuren und aller⸗

¹) Unter den Perſonalakten des Pädagogs, welche die Landesuniverſität beſitzt, findet ſich Näheres über die Roheit, mit der Orth, übrigens ein ſehr gelehrter Herr, ſeinem Schwiegervater, dem Pädagogiarchen Ebel entgegentrat. Einmal hat er ihm auf der Schultreppe Ohrfeigen verſetzt. Orth ſcheint mit ſeiner Anna Adelheyd, die er 1654 heiratete, recht unglücklich geweſen zu ſein. Er wurde faktiſch erſt 1656 wegen Melancholie ſuspendiert(weilen er die Jugend unverantwortlich tractirt, auch ſeinem Schwiegervater, dem Pädagogiarchen M. Ebel ins Angeſicht geſchlagen, in arrest gezogen und auf hochfürſtl. Befehl dimittirt worden, beſagt ein Rambachiſches Notizblatt).

²) Irrtum! Mißler wurde 1661 Pädagogiarch.

³¹) Dieſen Bericht geben wir nach einer noch vorhandenen wörtlichen Abſchrift, ſtatt des Regeſts, welches A bietet.) Geiſt S. 9.

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