Individualismus und Sozialismus sind zwei Strömungen, die heute wohl mehr als je ihre Berechtigung behaupten und nach Vollendung drängen. Die ganze Gesellschaft, ja alle Staaten müssen in ihrer sozialen Zusammensetzung völlig um- gewandelt werden, sagen die Einen. Alle äusseren Höhen müssen abgetragen, alle Tiefen ausgefüllt werden, bis eine gleichmässige, homogene Masse erzielt wird, in der dann alle Einzelglieder— wie angenommen wird— sämtlich nach einem Ziele streben, sämtlich einen Zweck verfolgen, sämtlich Gleiches oder doch Gleichartiges leisten. Nein, behaupten die Andern, dies ist undurchführbar! Vielmehr müssen die einzelnen In- dividuen nach ihren Kräften und Anlagen möglichst gefördert und gehoben werden. Auf Kosten der grossen Masse selbst müssen einige herausgehoben werden aus der sie umgebenden Beschränkung, sie müssen hinaufgeführt werden zu den höch- sten Höhen der Menschheit, wohin ihnen die überwiegende Mehrzahl doch nicht zu folgen im Stande ist. So finden wir auf dieser Seite das Ubermenschentun, das mit seiner Herren- moral berechtigt ist, die Masse zu beherrschen und— wenn es sein muss— zu seinem Willen zu zwingen, sie zu unter-— jochen. Für diese Masse gilt nur die untergeordnete Herden- moral, sie ist andern Gesetzen und Bedingungen unterworfen wie die Herren. Und drüben auf der Gegenseite finden wir die Bekämpfung jedes Hervorragens aus dem allgemeinen Menschenkreise, finden wir eine völlige Gleichmacherei ange- strebt, die— nach unserem Dafürhalten— zu einem Ertöten
jedes höheren Strebens, zu einem Hinabsinken in eine allge- 1*


